TanzNetzDresden

ACHSE, ADER, ZEH – nicht aufhören zu erzählen


ACHSE, ADER, ZEH – nicht aufhören zu erzählen

Die Choreografin Anna Till greift in ihrer Gemeinschaftsproduktion ACHSE, ADER, ZEH – nicht aufhören zu erzählen die Geschichte von Scheherazade aus der persischen Erzählung Tausendundeine Nacht auf und interpretiert sie in Kooperation mit der Dichterin Ulrike Feibig und der bildenden Künstlerin Juliane Schmidt neu. Zu dritt vereinen sie auf der Bühne ihre drei künstlerischen Disziplinen zu einem dichten Geflecht aus Sprache, Bewegung und Schrift-Bild. 

ACHSE, ADER, ZEH – nicht aufhören zu erzählen||Anna Till, Ulrike Feibig, Juliane Schmidt 

Verließe der Löwe nicht sein Lager. Verließe der Pfeil nicht seinen Bogen.

Eine Erzählung, eine Geschichte brauchen einen Ausgangspunkt. Einen Anstoß, der die Dinge in Bewegung setzt. Das Bühnenbild, bestehend aus drei großen, von der Decke hängenden Pergamentrollen, bietet mit seinen weißen, leeren Papierflächen den Anlass und den Raum eine Erzählung zu entwickeln. Zugleich teilen diese Pergamentrollen die Bühne in einen vorderen, gut einsehbaren sowie einen geheimnisvollen hinteren Bereich. Die halbtransparente Trennwand erscheint durch den Lichteinsatz und das dadurch entstehende Spiel von Licht und Schatten wie ein Palimpsest, in dem sich Vergangenes und Gegenwärtiges vereinen und überlagern. Das Bühnenbild ist so Material, welches aktiv in die Performance einbezogen und auf vielfältige Art bearbeitet wird. Wörter, Satzzeichen, Sätze werden auf die weißen Flächen projiziert, kurze Erzählungen reihen sich aneinander, werden gelöscht und wieder von Neuem begonnen. 

ACHSE, ADER, ZEH – nicht aufhören zu erzählen||Anna Till, Ulrike Feibig, Juliane Schmidt

Evi half mir weitermachen, womit ich weitermachen wollte, wusste ich nicht.

Das Spiel mit Sprache und Bewegung ist brüchig, fragmentarisch und voller Wiederholungen. Immer wieder neu ansetzend, flüsternd, chorisch oder verstärkt durchs Mikrophon mischen sich kurze Geschichten in die Bewegungen und Aktionen auf der Bühne. Beschwörerisch, teils bedrohlich wirken die repetitiven Sprechchöre. Nur selten gibt es Momente des Innehaltens und der Stille. Alles ist stets in Bewegung. Weiter machen, nicht aufhören. Die tänzerischen Bewegungen verdichten sich im Drehen um die eigene Körperachse und im dynamischen, pendelartigen Gehen. Gleich dem Taktschlag eines Metronoms schreiten Feibig, Schmidt und Till zuerst asynchron, später im Gleichschritt die Bühne immer wieder von vorne nach hinten ab. Ihre Schritte beschleunigen sich, ihr Atem wird hörbar. Rastlosigkeit, stetes Weitermachen und Wiederholen von Bewegung und Schreibakten kulminieren in Erschöpfung. Das serielle Spiel des rhythmischen Gehens spiegelt einerseits das gesellschaftliche, ökonomische Treiben und Getrieben-Sein wider, andererseits den narrativen Drang des Fortschritts: Fortschreiten und Weiterschreiben einer Erzählung sind unerlässlich, wie die 

 

Geschichte der Scheherazade zeigt. Die kurzen Momente des Innehaltens und der Stille sind zweideutig: sie oszillieren zwischen ohnmächtiger Orientierungslosigkeit und zaghafter Verweigerung der steten Repetition. Es ist auch die Suche nach einem Sinn im Gewohnten, im steten Lauf der Geschichte.

ACHSE, ADER, ZEH – nicht aufhören zu erzählen||Anna Till, Ulrike Feibig, Juliane Schmidt

Mitternacht, gestern erst, morgen wieder, und von irgendwoher kommt die Dämmerung gekrochen.

Die kraftvollen, expressiven Posen der Tänzerin Anna Till erinnern – aus tanzhistorischer Perspektive – an den Balletttänzer Vaslav Nijinsky, vor allem wenn sie hinter der Pergamentwand agiert und nur ihre Schattenumrisse erkennbar sind. Ihre ausdrucksvollen Tanzgebärden wie die emporgerissenen und ausladenen Armbewegungen verstärken diesen Eindruck. Nijinsky tanzte im Jahr 1912 ebenfalls in einer Ballettinszenierung von Michael Fokin zu Scheherazade. In diesem Sinne erscheint die repetitive Wiederholung in ACHSE, ADER, ZEH – nicht aufhören zu erzählen  auch als ein referenzielles Wieder-Holen, Erinnern und Aneignen von Vergangenem.  So wie das Bühnenbild immer wieder Wörter, Gedanken, Satzfetzen auf- und durchscheinen lässt, bildet die Rückkopplung an scheinbar längst Vergangenes auch einen wesentlichen Aspekt in der Anlage des Stücks: die zeitgenössische, interdiszplinäre Inszenierung verweist neben der tanzgeschichtlichen Vergangenheit immer wieder auch auf die persische Erzählung und schreibt diese mit neuen Bezügen fort.

halt die klappe, welt!

Das Stück endet mit der radikalen Entfernung der bis dahin entwickelten und projizierten  fragmentarischen Fetzen von Erzählungen. Nach einer gleichmäßigen, schnellen Löschung der Wörter und Satzelemente bleibt zunächst nur ein Satz übrig: halt die klappe, welt!  Nachdrücklich werden dann die einzelnen Wörter getilgt, bis am Ende nur noch das Ausrufezeichen als markantes Symbol verbleibt. Nach den vielen Wiederholungen und zögernden Momenten des Stücks scheint hier ein leiser Protest auf. Es ist eine Ermutigung, sich dem Rauschen der vielen, täglich neu- und weiterentwickelten medialen Erzähl- und Erklärungsfragmente zu entziehen und selbstbewusst eigene Erzählungen zu schreiben. 

 

 

 

Text von Cindy Denner
Fotos von David Campesino

ACHSE ADER ZEH
- nicht aufhören zu erzählen

Anna Till, Ulrike Feibig, Juliane Schmidt

Hellerau - Europäisches Zentrum der Künste Dresden
22.04.2016