TanzNetzDresden

connected limits / LINIE 08 SEPTEMBER #2

„connected limits“ drehte sich um Geheimnisse, und diese wurden in allen drei Stücken – je auf eine individuelle, spannende Weise – eindringlich behandelt


Linie 08 September: connected limits

hunted / Kristin Mente

Zunächst ist der Wald hörbar: Vogelgezwitscher, Blätter rauschen, eine vorwitzige Biene summt durch die Szenerie. Doch der Morgen hier in der Wildnis erhebt sich eher bedrohlich als lauschig-romantisch, das wird mit dem Einsatz der Musik sofort klar. Düstere Klänge schieben sich durch die Dämmerung, in der ein Schwesternpaar aneinandergekuschelt schläft.

Ihre Hütte ist eingefasst von einem Haufen dürrer Äste im Hintergrund der Bühne und einem Ast-Mobile, das vorn links in der Luft schwebt. Mehr Requisite braucht es nicht; die beiden Tänzerinnen (Kristin Mente, Noriko Melchior) illustrieren das Geschehen eindringlich mit ihren Körpern. 

Mente erwacht zuerst, sondiert die Lage, den Kopf tief zwischen die Schultern zurückgezogen. Sie ist misstrauisch und wirkt doch vorwitzig, geht direkt auf das Publikum zu. Ihre Bewegungen sind isoliert, mal nur eine Hand, mal nur der Kopf, und die Schwester, die nun auch das Lager verlassen hat, tut es ihr gleich. Als die beiden unisono auf ihren Füßen wippen, innerlich getrieben, immer wieder von der Ferse zum Ballen und zurück, hört der Zuschauer bis in die letzte Reihe ihre Knöchel knacken und es klingt, als sei das gewollt. Mente und Melchior spielen die beiden Schwestern nicht, sie sind sie während des Stückes, mit allen Knochen, Sehnen und Muskeln. Das zu beobachten ist ein Vergnügen, aller bedrückenden Stimmung zum Trotz.

Doch was machen zwei Schwestern so einsam im Wald? Sie tanzen sich durch einen Alltag, der gehetzt und routiniert erscheint. In einer klaren, scharf geschnittenen Formensprache agieren ihre Körperteile zum Teil derart isoliert, als seien sie vom Rest des Körpers so abgetrennt wie die Schwestern vom Rest der Gesellschaft. Die jungen Frauen starren, sie wippen, sie jagen, sie ziehen sich in leichtfüßigen Sprüngen zurück und wirken dabei streckenweise tatsächlich wie ein Ganzes, das auf zwei Körper aufgeteilt wurde. 

Doch die Harmonie dauert nicht lang: Melchior macht Mente die Vorherrschaft streitig, muss immer wieder von der scheinbar Älteren auf ihren Platz verwiesen werden. Rebellion um Rebellion wird niedergekämpft, bis Melchior sich plötzlich unter dem Mobile wiederfindet, allein, und Mente kann ihr dorthin nicht folgen. In diesem Moment wird sichtbar, dass nun die Felle der Älteren davonschwimmen, dass sie ihre Schwester nicht mehr beschützen oder kontrollieren kann. Sie holt sich einen Ast vom hinteren Bühnenrand und versucht, die unter dem Mobile Tanzende aus dem Bann zu befreien, in welchem sie sich bewegt, doch es ist zu spät. 

Der Spieß dreht sich um, die Jüngere übernimmt buchstäblich das Zepter (ein geschmückter Ast, aus dem Haufen hervorgewühlt) und treibt Mente damit unter das Mobile, direkt in den Bann hinein. Es folgt ein wildes Duett, nach welchem beide Schwestern ihre Überkleider abwerfen, als wären sie ihnen plötzlich entwachsen.

Das Schicksal lässt sich nicht mehr aufhalten. Von links bricht gleißend helles, weißes Licht in die Szene und schlägt eine Schneise in den halbdunklen Wald. Melchior folgt dem Licht und entzieht sich den Blicken der Zuschauer, hörbar mutiert sie zum Werwolf. Mente steht nun allein im Mondschein und indem sie ihre Atmung bis kurz vor den Rand des Wahnsinns steigert, mutiert auch sie und schreit noch, als das finale Black sie umhüllt.

 Mente/ hunted

Mente/ hunted

 

Co-incidence / Daniela Lehmann

Die Bühne wird von einem großen U aus schwarzen Sitzkissen gefüllt, das zum Zuschauer hin geöffnet ist. Hinten links ein Schreibtisch, vorn rechts der Musiker Max Loeb, der mit verschiedenen Instrumenten und einer Loop Station eine Klanglandschaft für die folgende Performance kreieren wird. 

Während der Umbaupause haben einige Zuschauer silberne Umschläge erhalten, dies ist die Eintrittskarte zur Mitwirkung bei der Performance. Jeder, der einen Umschlag hat, wird gebeten, sich auf ein Sitzkissen niederzulassen: Den Gegenstand, der sich im Umschlag befindet, bitte vor sich auf den Boden legen. 

Ein adrett gekleideter Mann (Eric C. Piltz) nimmt hinten am Schreibtisch Platz und sortiert seine Papiere. Die schwarzen Kissen sind nun belegt von einer bunten Mischung an Zuschauern, im großen U bildet sich ein kleineres U, bestehend aus den jeweils erhaltenen Gegenständen: ein Piccolo, ein Handy, ein Rasierpinsel, ein Gebiss, ein Tannenzapfen … Wie hängt das zusammen?

Performerin Daniela Lehmann wird die Zusammenhänge knüpfen, mit ihrem Körper, getragen von einem Klangteppich, der auf sie reagiert wie ein wohlwollender Begleiter. Lehmann bewegt sich zwischen den Gegenständen der Zuschauer hin und her, komponiert einen Tanz aus dem Moment heraus. Ihre Impulse erhält sie von der nonverbalen Kommunikation mit den ringsum Sitzenden und ihren Gegenständen. Liegen, stehen, trinken, lächeln, telefonieren, die eigene Hand verspeisen – alles geschieht unaufgeregt und intuitiv. Die ästhetische Leichtfüßigkeit von Lehmanns Performance offenbart sich in dem wunderbaren Moment, als sie zum wiederholten Mal versucht, mit dem Mann, der vor sich eine Bastelschere liegen hat, das Spiel „Schere, Stein, Papier“ zu beginnen. Er schaut sie reglos mit großen Augen an und so trinkt Lehmann kurzerhand den Brunnen aus, mit dem sie die Schere auf jeden Fall geschlagen hätte. 

Immer wieder greift sie neue Gegenstände auf und findet dann bereits Behandeltes wieder, sodass der Eindruck entsteht, sie würde eine tänzerische Form von „Ich packe meinen Koffer“ gegen sich selbst spielen. Erneut kehrt sie zum Mann mit der Schere zurück, fordert ihn heraus (sie wählt „Papier“, schenkt ihm also den Sieg), doch er steigt nicht ein, also beißt Lehmann sich in die Hand. Alles geschieht, als sei es die einzig logische Abfolge, und bevor der Spannungsbogen sich überdehnen kann, schwingt die Musik allmählich aus und die Tänzerin kommt im Halbkreis ebenfalls zur Ruhe. 

Piltz, der in den vergangenen zehn Minuten eifrig beobachtet und geschrieben hat, steht auf und verliest die Gedanken, die Lehmann ihm auf das Papier getanzt hat. So bekommt die Performance rückwirkend eine weitere spannende Dimension. Im Schlusssatz führt der Autor alles mit einem nonchalanten Handstreich zusammen: „Komm, greif mir in die Tasche und sag, was ich bin.“

 

 

 

Was wenn … (Teil 2) / Yamile A. Navarro L.

Ein weißer, halbtransparenter Vorhang von der Decke bis zum Boden teilt die Bühne in eine rechte und eine linke Hälfte, beide nur sehr diffus beleuchtet. Vorn links in der Ecke sitzt Daniel Williams an einem Tisch mit allerlei elektronischem Zubehör, aus welchem er die Musik für Yamile Navarros Stück kredenzen wird.

In der rechten Hälfte am vorderen Bühnenrand steht eine zierliche Gestalt im pinken Kleid (Jessica Larbig). Sie wird von Spots beleuchtet. Sphärische Klänge branden über Zuschauer und Bühne hinweg und versetzen die puppenhafte und doch starke Tänzerin in Schwingung. Sie verfängt sich in einem Loop, beweist dabei in allen Bewegungen ihre klassische Ausbildung, jeder Muskel ist unter Kontrolle. Die Bewegungssequenz läuft durch sie hindurch, benutzt ihre Glieder, um mit dem Zuschauer zu kommunizieren. Larbig wirkt wie eine eigenwillige Marionette und nährt so die Neugier auf ihren – vielleicht folgenden? – Ausbruch. Dabei lässt sie einzelne Worte vernehmen, die sich parallel zu ihren Bewegungen wiederholen: „Breathe!“ - „No!“ - „Dream!“ - „Feel!“

Schließlich gerät sie wieder in Schwingung, schaukelt sich hoch, kann sich selbst nur mit einem Griff an die Kehle stoppen und schreit: „Dream!“ Anschließend, leiser: „This is wrong.“

Von der Erkenntnis überrascht, wechselt sie auf die linke Seite der Bühne. Die rechte Bühnenhälfte, die bisher im Dunkeln lag, erhellt sich ein wenig und gibt den Blick auf eine zweite Frau (Yamile Navarro) frei, die mit schwarzer, hautenger Kleidung und dunklem Bob das optische Gegenstück zur mädchenhaft herausgeputzten Tänzerin bildet. 

Jede nimmt zunächst ihre eigene Bühnenhälfte ein, doch Larbig bewegt sich bald auf einer Brücke aus am Boden leuchtenden Lichtkreisen am hinteren Bühnenrand von links nach rechts. Schnell wieder zurück, dann der Weg erneut. Navarro, die zunächst geflüstert hat, hyperventiliert in Schreien, dann überlässt sie ihren Körper dem Tanz. Auch bei ihr kann schwer geurteilt werden, ob sie tanzt oder ob etwas mit ihr tanzt. Das Gegenlicht und der elektronische Klangteppich umwittern jede ihrer Bewegungen mit einem Geheimnis. 

Während Larbig geradezu stoisch mit ihrem Gang beide Bühnenhälften in Verbindung setzt, entledigt sich Navarro ihres schwarzen Umhangs und steht nun nur noch in schwarzen Shorts, einem knappen schwarzen Top und mit roten fingerlosen Handschuhen vor dem Zuschauer. Die Musik bricht ein, zieht sich zurück, schließlich setzt sich nur der Bass durch und gibt den Tänzerinnen ein akustisches Gerüst.

Unvermittelt: ein Duett. Oder ist es ein Kampf? Sie nehmen nicht wirklich aufeinander Bezug und zitieren einander doch, kommen schließlich ganz hinten am Vorhang zum Stehen, jede auf ihrer Seite. Vorsichtig tasten sie sich nach vorn, werden einander am vorderen Bühnenrand ansichtig, doch jede zieht es vor, auf der eigenen Seite wieder zurückzugehen. Rechts erscheint eine Videoprojektion; schwarz-weiß flimmerndes Wasser erfüllt die Bühne und fängt Navarro ein. 

Larbig, die die Bühne kurz verlassen hatte, kehrt auf roten High Heels zurück und gibt sich einem lasziven, puppenhaften Solo hin, während ein Popsong erklingt, als hätte jemand an einem einsamen Ort ein Radio vergessen. Navarro, als hätte sie hier nicht mehr viel entgegenzusetzen, fällt um. Rappelt sich auf. Lässt es geschehen, dass Larbig sie in der rechten Bühnenhälfte besucht, doch so schnell sie kam, so schnell weicht sie, flüsternd, auch wieder zurück. Nun wechseln beide langsam die Seiten, Larbig auf ihrer gewohnten Bahn im Hintergrund. Für Navarro sind rampenparallel viele kleine Lichtpunkte auf den Boden geworfen, denen sie nun von rechts nach links folgt, ohne weiter zu diskutieren. Die Musik brandet im Black so langsam ab, wie sie anfangs aufgekommen war. Mit dem letzten Ton hält auch Navarro, angekommen am linken Bühnenrand, inne.

Beinahe geläutert und doch ein wenig konfus bleibe ich als Zuschauer zurück. „Was wenn … (Teil 2)“ ist die Weiterentwicklung des Stückes „Was wenn einmal Mensch, einmal ...“ von 2014. Vielleicht macht mich Navarros Stück deshalb ein wenig ratlos, weil ich seine Vorgeschichte nicht kenne. Doch „connected limits“ drehte sich um Geheimnisse, und diese wurden in allen drei Stücken – je auf eine individuelle, spannende Weise – eindringlich behandelt. Daher gehe ich am Ende erfüllt nach Hause, auch wenn längst nicht alle Geheimnisse des Abends gelüftet worden sind.

 

Was, wenn... Y.Navarro

Was, wenn .. Y. Navarro 

 

 

 

 

Text von Sophie Micheel

 

 

Fotos: Peter R. Fiebig