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Die Anderen (work-in-progress)

Sie im weißen Hemd, die extrem langen, braunen Haare zum Zopf gebunden über die Schulter gelegt. Er im Bärenpelz...


Sie im weißen Hemd, die extrem langen, braunen Haare zum Zopf gebunden über die Schulter gelegt. Er im Bärenpelz, oder, zumindest in etwas animalisch anmutend Pelzigem. Rosabel Huguet und Matthias Wagner, einander gegenüber, auf zwei Stühlen. Zwischen ihnen, wie eine Eisscholle am Boden, ein weißes Laken. Vorn links Simon R. Goff zwischen Mischpult und Soundtechnik, barfuss. Eine Stimme aus dem Off erzählt vom Sein in der Kälte und Fremde, wie es wohl ist, bei -40 Grad, -60, -80, draußen. Lang bleibt dieses Bild so im Halbdunkel. Lichtblitze fragmentieren Raum und Zeit, bis die Bewegung des Lichts sich beruhigt und sich nach und nach in die Szene verschiebt. Langsam beginnt die Tänzerin das Laken mit den Füssen zu sich zu ziehen, aufzunehmen, sich um den Kopf zu binden, ihr Gesicht zu bedecken und zu umwickeln. So unkenntlich wird sie lebendig, tappt blind, mit tastenden Händen Richtung Wand, und Tür, findet die Klinke, drückt sie, und verlässt die Bühne. Was aber, wenn der Andere geht, und keiner weiß wohin? Wie weit gehört das Unsichtbare direkt zu unserer Realität? Mit der Öffnung der Szene in den Seitengang, findet auch in eine andere Richtung eine Öffnung statt, hin zu uns, den Zuschauern, bezieht uns auf eine neue Weise in das Geschehen ein.

Verstärkt wird dieser Moment als beide Tänzer im Off verschwinden und das Publikum ganz mit sich allein ist. Erkennen wir uns im Fremden selbst, ja, im Gegenüber erst so richtig, stellt sich die Frage um so mehr wer denn dieses Gegenüber ist, in dem wir uns spiegeln, und was, wenn es da nichts gibt- wenn wir nur mit uns sind- wie weit können wir uns dann wahrnehmen und wirklich sein? Nun ist es nicht mehr eine Einheit von Zuschauern, der Andere sitzt neben mir, der Andere bin ich. Draußen wird es laut. Huguet und Wagner erscheinen wieder auf der Bühne, eine neue Dynamik entsteht, das, was vorher einfach präsent war beginnt zu bedrängen, bleibt auch angesichts der Schläge durch die zarte Tänzerin unbeeindruckt, das Gerangel endet am Boden, und damit, dass sie, Huguet,  nun im Pelz verschwindet. Wer ist nun wer oder was, und an welcher Stelle? Der Körper löst sich in seiner Definiertheit als solcher auf, verschwimmt zu einem Knäuel aus Haaren und Pelz, die Beziehung verworren. Sprache als Element ist subtil und äußerst fein eingesetzt, wie nach Luft schnappend redet der Bär, das Tier, den immer gleichen Text, wie rückwärts abgespielt, ohne Fluss, Fragmente können Sinn ergeben, müssen aber nicht.

Tänzerin in linker Ecke

Sie, die Tänzerin, bleibt hingegen konsequent stumm. So ist alles offen für individuelle Interpretation. Kann Individualität und Identität aber bestehen ohne dem Unbekannten Gegenüber, wo beginnt sie sich aufzulösen?
Die zarte Tänzerin scheint diese Fragilität einer jeden Identität zu verkörpern, durchscheinend wirkt sie, die langen Haare lösen sich mit der immer härter und chaotischer werdenden Bewegung. Ritualisierte Abläufe verzweifelt und zwanghaft wiederholt, in der Wiederholung verlieren sie mehr und mehr an Sinn, werden zu leeren Stilisierungen eines vielleicht einstmals sinnhaften Tuns. Das fremde Tier, oder Un-Tier komplettiert sich am Ende des Stückes in beiden Akteuren, wenn die Bewegungen eines Knäuels aus Haaren und Fell neben dem nun ganz klar zu erkennenden Wolf, oder auch Mensch, verebben. Ein sehr feines, verstörendes Stück, dessen traumgleiche Bilder vor dem Hintergrund der eindrücklichen Soundcollage, aus Musik und Fragmenten gesprochener Worte, in Erinnerung bleiben.

 

 

 

 

 

 

 

Text von Heidi Morgenstern

Die Anderen (Work-in-progress)

Linie 08 / 6. 11. 2916 Hellerau - Europäisches Zentrum der Künste Dresden

Choreografie: Johanna Roggan

Tanz: Rosabel Huguet

Schauspiel: Matthias Wagner

Musik/ Sound: Simon R. Goff

Fotos: Peter R. Fiebig