TanzNetzDresden

Line 08 MAI state and dis-traction #1

Es ist einer der ersten heißen Sommertage Ende Mai und die Luft im hell erleuchteten White Cube des Dalcrozesaals ist stickig. Im Gegensatz zur hitze-flimmernden Unschärfe des Zebras wirkt die Bühnensituation klar strukturiert, fast wie eine Versuchsanordnung....


Magdalena Weniger // die Wirklichkeit, das Zebra

 

An diesem Abend gibt die Choreografin Magdalena Weniger einen ersten Einblick in ihre aktuelle Produktion die Wirklichkeit, das Zebra. Eine minimalistische und zugleich vielschichtige Performance, die unsere Wahrnehmung von Wirklichkeit hinterfragt. In Zusammenarbeit mit  Tänzerin Kristin Mente, Künstlerin Ina Weise und Musiker Joscha Baltes entsteht ein multisensorisches Geflecht aus Fühlen, Sehen und Hören.

Es ist einer der ersten heißen Sommertage Ende Mai und die Luft im hell erleuchteten White Cube des Dalcrozesaals ist stickig. Im Gegensatz zur hitze-flimmernden Unschärfe des Zebras wirkt die Bühnensituation klar strukturiert, fast wie eine Versuchsanordnung. Auffallendes und zentrales Element der choreografischen Arbeit bilden zwei identische Schaumstoffmatten, die sich wie Yin und Yang zu einem Quader zusammenfügen lassen. Zu Beginn stehen die Performerinnen Kristin Mente und Ina Weise mit dem Rücken zum Publikum auf je einer Matte. Langsam treten sie auf der Stelle, verlagern ihr Gewicht von einem Fuß auf den anderen, drehen sich zaghaft um die eigene Achse. Der weiche, instabile Schaumstoffuntergrund gibt leicht nach. Begleitend füllt Joscha Baltes den Raum mit elektronisch-sphärischen Klängen, dazwischen mischt sich – dissonant – ein undefinierbares, kratzendes Geräusch. Es ertönt aus einer Lautsprecherbox, die Ina Weise vor ihrem Körper trägt. Der Sound aus der Box erscheint plastischer, direkter und zugleich exponierter.

Alles setzt sich in Gang, die Eingangsszene löst sich auf: Der Lautsprecher wird am hinteren Bühnenrand platziert, die Schaumstoffmatten senkrecht aufgerichtet. Die Matten erscheinen nun im Profil, gespiegelt an ihrer längsten Seite, zwischen ihnen zwei Lautsprecherboxen. Die Objekte werden immer wieder neu im Raum arrangiert und in Relation zueinander gesetzt. Die Schaumstoffmatten werden gedreht, gewendet, gekippt, aufgerichtet und wieder hingelegt. Die auditiven und visuellen Elemente vermischen und reiben sich zugleich. Was passt zusammen? Stück und Gegenstück. Zusammenfügen und wieder trennen. Neue Bilder entstehen, andere Perspektiven eröffnen sich. Die Tänzerin Kristin Mente setzt sich mit ihrem Körper stets neu ins Verhältnis zu den Objekten. Ein Dialog zwischen Objekten und Tänzerin entsteht, ein Wechselspiel zwischen Einfügen in die Form der Matte und einem Verschwinden hinter ihr. Manchmal tauchen nur einzelne Gliedmaßen hinter der mannsgroßen Schaumstoffmatte hervor: Hände, Beine, Arme. Die Körperteile scheinen – losgelöst vom Körper – ein Eigenleben zu entwickeln. Das Spiel mit der Wahrnehmung ist in vollem Gange. Das stete Arrangieren der Matten und Lautsprecherboxen mit ihren langen schwarzen Kabeln schafft neue Räume im Raum, lässt unentwegt neue Bilder (von Enge und Weite) entstehen, formt Landschaften und löst sie im nächsten Moment wieder auf. Die Körper der Performerinnen erlangen durch das stete ins Verhältnis setzen auch eine Form von Objekthaftigkeit.

 

Während der zwanzigminütigen Performance Die Wirklichkeit, das Zebra wird auf visueller, auditiver und kinästhetischer Ebene die Wahrnehmung sowie Konstruktion von Wirklichkeit spielerisch und zugleich systematisch erprobt . Klar und minimalistisch wirkt der Einsatz der Schaumstoffmatten, deren gebaute Landschaften an Arbeiten von Richard Serra erinnern. Das unentwegte Arbeiten mit den Objekten auf der Bühne lässt ästhetisch auch Parallelen zu den Anfängen des Postmodern Dance aufscheinen, wie beispielsweise Arbeiten von Yvonne Rainer. Die Wirklichkeit, das Zebra ist eine gelungene choreografische Versuchsanordnung, die im Zusammenspiel der Künste die subjektive Wirklichkeit befragt und die Sicherheit der eigenen Wahrnehmung zur Disposition stellt.

Text von Cindy Denner
Fotos von Peter R. Fiebig

 

die Wirklichkeit, das Zebra

 

Magdalena Weniger
Konzept/Regie

Joscha Baltes
Musik

Kristin Mente
Tanz/Performance

Ina Weise
Installation/Performance

Martin Mulik
Licht

Hellerau - Europäisches Zentrum der Künste Dresden
21/22.05.2017