TanzNetzDresden

LINIE 08 JUNI 2017- draufsicht

draufsicht - sowohl die reale Raumwahrnehmung als auch die sinnliche Wahrnehmung des 'Raumes' werden in den beiden Choreographien aufgegriffen.


Romy Schwarzer
a place to hide :: a place to forget 

Eine Decke, die über mir beklemmend schräg auf die Bühne zuläuft, zwingt mich bereits beim Betreten des sonst so weiten Hellerauer Festsaals in klaustrophobische Enge. Täusche ich mich, oder sitze ich nicht sogar ein wenig geduckt auf meinem Platz? Die beiden Tänzerinnen Cindy Hammer und Lisanne Goodhue sind in diesem neuen Raum gefangen: Die Omnipräsenz der Decke spitzt sich zu, indem sie beide auf kleinem Terrain einschließt. Die Dunkelheit und die kargen kalten Klangkompositionen von Lukas Rabe haben mich plötzlich zu einer versteckten Beobachterin der beiden Protagonistinnen werden lassen, zugleich aber auch zu deren Komplizin. Derart stark wirkt diese Installation.

Die Beklommenheit der Tänzerinnen wandelt sich indessen zu Fluchtversuchen. Ich habe gar filmische Assoziationen von Entführten in einem Keller. Werde Zeuge eines Erkenntnisprozesses: Wo sind wir? Was ist dies für ein Raum? Wo ist der Ausweg? Warum gibt es keinen? Die Verzweiflung um das Gefangensein scheint nicht nur eine räumliche, sondern auch eine der inneren Gedankenwelt zu meinen. Hier findet eine Dystopie statt. Innen wie außen. Was das ‚Außen’ ist, haben alle schon längst vergessen.

Und so kommen beide irgendwann an. Ihr Gefängnis wird ein Zu Hause. Sie erkunden es, werden mutiger. Jede für sich. Auch ich habe mich unbemerkt an die Decke über mir gewöhnt. Die Helligkeit nimmt beinahe klammheimlich zu– als ob sich einzig die Augen an die Dunkelheit gewöhnt hätten. Was einst einschloss, ist nun ein Ort der Geborgenheit. Zumindest gibt er das vor. Hammer und Goodhue beginnen aber auch, sich in diesem Raum zu behaupten, sich zu erheben und finden dabei letztlich auch einander; treten in Austausch und gewinnen an Bewegung.

In Bewegung setzt sich während dieses Prozesses auch die Decke; hebt sich und eröffnet dem Duo, das nun fließend kommuniziert, eine Plattform. Auch, wenn diese vielleicht nur im Kopf stattfinden mag. Scheinbar emanzipiert finden beide ihre Stimme, erörtern ihren Zustand und gewinnen an Fahrt. Dort, wo sie nur die andere finden, klammern sie sich aneinander und werden augenblicklich bald einander überdrüssig, ziehen sprichwörtlich konkurrierende Kreise. War es jemals anders? Die Akteurinnen bewegen sich in gehorsamer Routine und scheinbarer Gleichgültigkeit. Jedoch wird die kurzweilige Zuversicht bald jäh dekonstruiert und macht erneut einer dystopischen Atmosphäre, die bisweilen an Orwell erinnert, Platz. Hammer und Goodhue funktionieren in ihrer Welt und haben sich einer Sinnleere hingegeben, obwohl sie endlich befreit scheinen: Wollen wir gehen? Wir wollen. Oder?

 

Chiara Detscher
...heute denke ich wie der Wind

Energiegeladen und mit akrobatischer Angriffslust begegnet sich dieses Paar von Beginn an. ‚Wie der Wind’ fliegt es aufeinander zu. Jeder will etwas vom anderen beanspruchen und gleichzeitig seine eigene Autonomie bewahren.

So geraten die Tänzerin Chiara Detscher und der Tänzer Alexei Bernard in einen Sog der Auseinandersetzung, der in jeder Bewegung seine Intention zu ändern scheint. Mal sinnliche Annäherung, dann wieder aggressive Abwehr, treibende Euphorie des Zusammenseins, verzweifelnde Vereinnahmung und resignierender Rückzug. Jedes einzelne Gefühl wird augenblicklich wieder davongetragen, aufgelöst und durch ein neues ersetzt. Scheint das Paar miteinander zu kommunizieren, so findet es doch nicht zueinander, da jeder sich dem anderen nicht mitteilen kann. Was will es überhaupt voneinander? Tosend und eng und doch flüchtig und fragil zugleich. All das hat nicht nur auf das Duo einen Reiz – auch das Publikum wird, unterstützt durch den dynamischen Sound, in die ekstatischen Wogen hineingezogen.

Als die Manie an Kraft verliert und der Wind sich legt, sehen sich beide vor die Frage gestellt, wer sie als Paar sind … und letztlich auch, ob sie ein solches sein wollen. Dies wirkt manchmal traurig, aber dank Detscher und Bernard traurig schön! 

 

 

 

 

Text von Anna Limburg

Fotos:

Philipp Weinrich

Bernd Hentschel

LINIE 08 ist ein gemeinsames Projekt von TanzNetzDresden und HELLERAU – Europäisches Zentrum der Künste Dresden.

LINIE 08 wird veranstaltet von HELLERAU – Europäisches Zentrum der Künste Dresden und dem TanzNetzDresden in Kooperation mit der Projektschmiede gemeinnützige GmbH.

LINIE 08 wird gefördert durch die Kulturstiftung des Freistaates Sachsen und durch die Landeshauptstadt Dresden – Amt für Kultur und Denkmalschutz.