TanzNetzDresden

echoing::which past is leading now

Dunkelheit und Stille markieren den Beginn der zwanzigminütigen Tanzperformance echoing::which past is leading now von Reimo Sandau im Dalcrozesaal des Festspielhaus Hellerau... Kommentar von Cindy Denner


echoing::which past is leading now

Dunkelheit und Stille markieren den Beginn der zwanzigminütigen Tanzperformance echoing::which past is leading now von Reimo Sandau im Dalcrozesaal des Festspielhaus Hellerau. Einzig durch die geöffnete Tür im hinteren Bühnenbereich scheint Licht in den dunklen Raum. Papiergeraschel und Geräusche dringen von draußen herein und erzeugen Neugierde auf das Kommende: Zwei übermannsgroße Gestalten, vollkommen in Zeitungspapier gehüllt und einer Litfaßsäule ähnelnd, betreten den Saal und schreiten zum vorderen Bühnenrand. Reimo Sandau liegt währenddessen in der Bühnenmitte auf dem Rücken und streckt Arme und Beine zur Decke.

echoing // which past is leading now

Diese geheimnisvoll und zugleich irritierend anmutende Eingangsszene spiegelt bereits im Kleinen den Aufbau des Stücks wider – stets überlagern sich konträre Wahrnehmungseindrücke und Assoziationen. Gleich einem Echo vermischen sich Vergangenes und Gegenwärtiges. Mit den Symbolen medialer und kultureller Überformung treten die beiden Gestalten ins Licht, das Zeitungspapier legt sich wie eine zweite Haut über ihre Körper. Im Kontrast dazu verweist die tierhafte, die eigene Körperlichkeit betonende Pose Reimo Sandaus auf die scheinbare Authentizität und Essenzialität des (menschlichen) Körpers. Auf dem Rücken liegend erinnert Sandau an einen verunglückten Käfer.

Die Tänzerin Kristien Sonnevijle und die Musikerin Steffi Grunzel entsteigen gleich zu Beginn ihren Zeitungsgewändern, welche – in sich zusammengefallen – von da an das einzige bühnenbildnerische Element darstellen. Die künstlerische Entscheidung für ein pointiertes Lichtdesign und die musikalische Begleitung aus Vokalgesang und modernem, atonalem Querflötenspiel bilden so den atmosphärischen Rahmen des Stücks und verweben sich auf beeindruckende Weise mit den tänzerischen Bewegungen.

echoing // which past is leading now

Der Fokus liegt auf den sich bewegenden und rastenden Körper der TänzerInnen sowie ihren Beziehungen zueinander im Raum. Von ruhender Bewegungslosigkeit über intensive Bodenarbeit hin zu dynamisch aufrechten Tanzelementen erweckt der Verlauf der Performance zahlreiche Assoziationen. Der Wechsel vom Kriechenden, Bodenverhafteten zur aufrechten Bewegung verweist dabei auf den menschlichen Lebenszyklus ebenso wie auf die evolutionsgeschichtliche Entwicklung. Mittels tänzerischer Elemente aus der Contact Improvisation erzeugen die TänzerInnen in ihrer Hinwendung zu- und Abwendung voneinander ein Wechselspiel aus Nähe und Distanz. Insbesondere Reimo Sandaus fast regungsloses Verharren, seine betont langsamen Bewegungen und seine enorme Fokussierung nach innen zu Beginn des Stücks verstören. Es scheint als würde ihn Kristien Sonnevijle durch ihre Bewegungsimpulse, ihre wiederholte Kontaktaufnahme erst zum Leben erwecken. Ihr Kontakt steigert sich mehr und mehr und mündet in eine gemeinsame, dynamische Jam-Session.

Die intensive Aufmerksamkeit für den eigenen Körper wie auch den des Gegenübers und die fokussierte Wahrnehmung des Miteinanders im Spiel von Gewicht geben und nehmen verweisen in echoing::which past is now auch auf das Verhältnis von Hilflosigkeit und Fürsorge. Die schon für die Eingangsszene beschriebene Konzentration auf die Körperlichkeit Sandaus verstärkt sich im Verlauf des Stücks und erregt Aufmerksamkeit für die Vergänglichkeit des Körpers. Alter, Geschlecht, Isolation und Nähe zeigen sich so als Kategorien, die der kulturellen Bestimmtheit nicht, wie zu Beginn angedeutet, essenziell gegenüberstehen. Vielmehr werden auch sie im Miteinander der Körper als entwickel- und verhandelbar gezeigt. 

Mutet das Stück zunächst mystisch, archaisch an, eröffnet die irritierend und faszinierend zugleich wirkende Aufführung im Nachhall vielschichtige Bezüge und Assoziationen. Die scheinbare Sicherheit konträrer Kategorien erschüttert auch der Schluss: Wo ist die scharfe Abgrenzung der modernen abstrakten Bewegungen (frontal zum Publikum gewendet scheinen die drei TänzerInnen zu dirigieren oder eine geheime Botschaft in die Luft zu schreiben) zur mystischen, beschwörenden Geste archaischer, längst vergangener Zeiten? which past is leading now

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Text von Cindy Denner

echoing::which past is leading now

Kristien Sonnevijlle (Amsterdam) - Tanz, Reimo Sandau (Dresden) - künstlerische Leitung, Tanz, Steffi Grunzel (Dresden) - Musik und Valentina Cabro (Dresden) - Mentoring

Hellerau - Europäisches Zentrum der Künste Dresden
22.04.2016