TanzNetzDresden

. . . for the road/ LINIE 08 Juni 2018

Mit drei Choreografien verabschiedet sich die LINIE 08 in die sommerliche Spielzeitpause


 

„two torsos and tension“ Magdalena Weniger / KOMA (Newcomerin)

Warmgelbes Licht über Dingen, die schön aussehen, ihren Sinn verraten sie uns nicht, das ganze Stück über. Das überlebensgroße, mit Stoff überzogene Teil das die Bühne dominiert zum Beispiel, erinnert an eine Strandumkleide- hinter der man gut verschwinden kann, oder etwas verstecken. Vom Band am Bühnenrand sind Laute und Silben hörbar, AAA OOO AAA aaa…, keine Worte. Synchron, oder asynchron bewegen sich die Münder der Tänzerinnen dazu. Berge von Kleidern, Schuhen, T-Shirts, kombiniert mit Nachrichtenfetzen, diesmal aus dem Mund von Carina Hayek, die etwas puppenhaftes ausstrahlt, mit dem schwarzen, akkurat geschnittenem Pony. Die skurile Entrücktheit, die bis hierher aufgebaut wurde, wird auf die Spitze getrieben mit dem Bild, in dem beide Performerinnen wie Fische am Boden zu liegen kommen, die Köpfe aneinander, übereinander gelegt- und nur die Münder bewegt. 2 Menschen, nur Münder. Sie keifen und mauzen sich später an wie wildgewordene Katzen. 

Weiter geht das Stück mit immer absurderen, scheinbar voneinander entkoppelten Szenen. Wenn Carina Hajek am hinteren Bühnenrand einen Handstand an der Wand macht, Informationsfetzen, wirklich Fetzen- in den Raum werfend, während Tabea Witulsky sich vorn in Stoffbahnen völlig verheddert, entsteht dieses ungreifbare Gefühl der Dissonanz, des nicht zusammenfügen Könnens was nicht zusammen gehört. Es hat aber auch eigenartig humorvolle Aspekte, die wohl mehr aus Magdalena Wenigers heiterer Handschrift herrühren als dem Inhalt des Stückes, wenn das Torso-Dasein, das unkomplett-  und zerstückelt- Sein in einer Welt ohne Zusammenhang diese absurden Dinge tut, im Versuch Sinn zu erzeugen und die Dinge zu steuern. Fast beruhigend wirkt es, wenn die Performerinnen sich schließlich doch in einer Form von Harmonie finden- das Instrument, die Gitarre, gibt den Rahmen, beide klingen gemeinsam, einen Moment lang. Etwas fieberhaft- traumartiges hat das Stück, aus dem wir leicht verstört aufwachen, direkt hinein in die Umbaupause, in der wir der unglaublichen Bewegungssicherheit und Virtuosität der Bühnentechniker beim Einrollen des Tanzteppichs beiwohnen können. 

twotorsosandtension MWeniger

twotorsosandtension MWeniger

 

„Two Hands in the sun“ Caroline Beach, Noah Punkt 

Mit Aufwärmen beginnt „two hands in the Sun“ von Caroline Beach und Noah Punkt. Aufwärmen für das was gleich kommen wird. Nur, da kommt nichts weiter als das, und das ist anstrengend genug, geht bis zum Exzess. Bewegen, Dehnen, Atem holen, bis dieses Dazwischen, diese Pause nicht mehr weiter zu treiben ist. Die zwei Performer in farbigen Shorts, ein Stuhl, ein Kontrabass auf der Bühne. In Erwartung auf eine Melodie hören wir etwas wie ein Einspielen, für ein Stück, das wir gleich präsentiert bekommen, das nie wirklich beginnt. Leichtes Stretching wird zum Spagat, ein beiläufiger Satz zum tragenden Element. „ I got two hands in the sun“  wie manisch wird dieser Satz wiederholt zwischen Kraft schöpfen und sich verausgaben, zwischen Pause und Warten auf das Wesentliche. Die Spannung ist unerträglich, anstrengend allein das Zuschauen. Schwer auszuhalten ist es auch, wenn Noah Punkt dieses große Instrument mit ausgestreckten, fast zitternden Armen über seinem Kopf trägt, wird er es halten, werfen, fallen lassen? „…two hands in the sun!“ Die Hände immer oben, bis das Blut aus ihnen weicht, wofür, um Etwas zu tun dem Etwas folgt, wofür sind wir zu zweit hier, wenn wir uns nicht finden, in einem gemeinsamen Spiel, keinen Rythmus finden in unserem Stück, dem Leben selbst? Caroline Beach und Noah Punkt versprechen hier nicht weniger als Nichts in ihrem großartigen Tun. Und, auch hier, ein Moment der Harmonie, des Gleichklangs am Ende des Stückes, wenn Beide doch einen gemeinsamen Rhythmus finden, sich festhaltend, an den Händen in der Luft, gegenüber stehen, atmen.

 two hands in the sun Beach/Punkthands in the sun Beach/Punkt

 

two hands in the sun Beach/Punkt

 

„neu Ordnen“, Kristin Mente (Newcomerin) 

Gewitter, Regen, Dunkelheit. Drei Frauen, Pappkartons. Das Stück wird getragen vom Rauschen des Regens und des Windes. Kartons werden gehoben, gestapelt, auf der Suche nach einer Ordnung, einer Struktur, die es hier noch nicht gibt. Nur eine leere Fläche, Tabula rasa. Ratlosigkeit in einem Moment, dann wieder Zielstrebigkeit, Setzen der Kisten von hier nach da. Die Suche nach Positionierung ohne Durchblick zu haben. Zwischen dem Chaos doch immer wieder Rhythmus und Gleichklang in der Bewegung. Für Momente finden die 3 Tänzerinnen einen Form von Synchronizität in der Bewegung. Langsam kehrt Ruhe ein, Stück für Stück sortiert sich die Lage, auch das Gewitter klingt ab. Das Regenrauschen wird zum Meeresrauschen, die Körper der Tänzerinnen wie von Wellen getragen am Boden- endlich, nach einer langen Zeit der Orientierungslosigkeit zur Ruhe kommen, sich finden und einmal synchron mit dem Leben sein. Stille Bewegung im Fluss. Ein stimmungsvolles Stück von Kristin Mente, in dem man sich, vom sicheren Ort des Zuschauerraumes aus, eine Zeit lang verlieren kann. Die Momente der Harmonie, wenn auch aus einer düsteren Stimmung heraus, geben ein wenig Halt an diesem Abend, durch den sich vor allem das Gefühl von Entrücktheit und Unfassbarkeit zieht.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Text von Heidi Morgenstern

Fotos von Peter R. Fiebig