TanzNetzDresden

from here on/ LINIE 08 März 2018

„From here on“ verspricht mit 4 verschiedenen Choreographien eine Annäherung an Ausgangspunkte, Wege, Umwege und Wunschvorstellungen des Seins und Daseins.


„Von hier aus“...von mir aus!

 Die Welt teilt sich ja sowieso gerade in selbstgewählte Gut und Böse, Rechts und Schlechts. Ach ihr Wesen, Hauptsache die Mitte funktioniert!

Ist ja immer spannend, welche Themen die Linie08 den Zuschauer*innen vor Aug’ und Ohr hält, welch’ choreographischer Weitwurf gelingt oder welch’ irrender Geschmack uns zu Leibe rückt und den Einen oder die Andere unweigerlich in seine ganz eigene Performance, die der So-Nun-Wie-Bitte-Ach-So-Hab-Verstanden-Danke, Aus! katapultiert. Ja, ja, immer diese Moral von der Geschicht’. Braucht’s die? Jetzt haben wir den Salat! Aber was wäre der Mensch, wenn er immer alles kapieren würde.

„From here on“ verspricht mit 4 verschiedenen Choreographien eine Annäherung an Ausgangspunkte, Wege, Umwege und Wunschvorstellungen des Seins und Daseins.

from here on out Voilà, gleich zu Beginn lädt Joseph Hernandez mit seinen Performern zu dollem philosophischen Tobak. Poesie und Philosophie galant getanzt und grazil gesprochen. Aber ach Menschenskind, eine Herausforderung für den einfachen Besucher, Kaitlyn Caseys gesprochenen Monologen mit der herkömmlichen Tüte Gebrauchsenglisch zu folgen. Ich entscheide mich gegen Taschenwörterbuch, Siri, Googletranslate oder panisch laute Befragungen des Sitznachbarn und nehme hin was kommt. So erhalten die Darbietungen von Haenen, Hernandez und Maxey-Wert ein ganz eigenes Verständnis über Sein, Zeit, Rhythmus etc. Geht es um die Unfähigkeit, Wege und Alltäglichkeiten zu verlassen oder ist es die Zuschreibung, der Welt in stets wiederkehrender Gestalt zu begegnen? Immer wieder ertönt es: „There is no room“, „We always fall back in the same habits“, „There is not enough space in this landscape“. Ok. Spricht da Elektra zum Volk, Eva zu Adam (wären hier dann 3) oder das Weiße Kaninchen zu Alice im Sperosaal? Schreck, hieß es vielleicht ‚same rabbit’ und nicht ‚same habit’? Und ja, was ist denn nun die Klassische Form im Wort, im Tanz und im Menschsein. Die Tänzer finden sehenswerte Moves zu eben diesen Fragen. Jedenfalls darf man sich ob der tänzerischen Präzisionen und Wiederholungen plötzlich aufs Kleinste reduziert fühlen. Arm over elbow over knee – let the shape control your body. Alle Macht der Gewohnheit. Dann können wir ja den Fernsehsender wechseln. 

Hernandez/ from here on outHernandez/ from here on out2

Untersuchung Szenenwechsel: die Newcomerin Jūlija Ruseviča erobert sich den Raum mit einer gehörigen Portion getanztem Humor, obgleich es bei der Suche oder der Untersuchung des ‚inneren Ich’ nicht immer lustig zugeht. In sorgfältiger Feinheit werden mögliche Entwicklungen und Findungen vom Tier zur Kreatur Mensch herausgearbeitet. Die Zuschauer*innen dürfen eindringlich an den Phasen der Evolution teilhaben. Und wenn es jemals einen Preis für die beste Darbietung von Augenschielen geben sollte, wäre er hier verdient. Pardon, Jerry Lewis! Bemerkenswert ist ebenfalls die Hand- und Fingersprache Rusevičas, die sich fast wie eine eigene Choreographie liest. Ausdrucksstarke Begleitung findet die Performance mit dem Kontrabassisten Sebastian Rehnert, der mit geschickten Loops die Phasen dieser amöbenartigen körperlichen Entrückungen nachzeichnet.

Ortswechsel: Wohnst Du noch oder lebst Du schon Lagom. Im Dalcrozesaal entwirft die Newcomerin Tabea Wittulsky für und mit ihren beiden Tänzern abermals Stimmungen eines Außer Takt Seins und der Suche nach der goldenen Mitte. Hier ganz nach schwedischem Lifestyle. Gesucht wird das Standing, ja eben diese einfache Ruhe, die uns im alltäglichen Dasein weder wie das Blatt im Wind rumwirbelt noch hart am Wind und stets auf Kurs gehörig gegen die Wand rasseln lässt. Ja, die Mitte, das Mittelmaß wird gesucht. Die Frage ist nur, ob die Mitte überhaupt gewünscht ist. Maybe it’s the middle of nowhere. Es scheint für Performerin C. Detscher und Partner A. Bernard schier unmöglich, dieses wohlige Dazwischen zu finden. Bewusst! Erlaubt es den Beiden somit, ihre tänzerischen Qualitäten von low und high level bis aufs Äußerste auszutesten. Wer es sinnbildlicher braucht, darf sich mit den hunderten herunterstürzenden Tischtennisbällen vom High Speed PingPong Effekt überzeugen lassen.

Tabea Wittulsky LagomTabea Wittulsky Lagom2

Beim letzten Teil des Abends angelangt erleben die Zuschauer*innen ein gänzlich anderes Kapitel Tanz und Thema. Das Stück flussstadtmensch von Reimo Sandau, Christina Menzel und dem Ensemble versucht bereits beschriebene Kapitel eines Buches tänzerisch zu vollenden und nach dem Motto: Das Buch Dresden mit Orten und Verortungen an Elbe, Wiesen und Terrassen wird sich hier kontaktimprovisierend Kapitel für Kapitel eine Geschichte der Stadt erarbeitet. Die Flussmenschen tauchen ebenso in Videoarbeiten auf, die einen dezenten Begleitpart zum Stück erzeugen.

 

Nun, bei aller Dramaturgie des Abends ist es jedoch fraglich, diese Reihe der Linie 08 mit einem Formatsprung zur Kontaktimpro enden zu lassen. 

Aber ja, damit wären wir bei der Losung des Abends:

A shape is a shape is a shape is a shape!

Wohl bekomm’s allen Wechseltierchen! Love it or leave it!

 

 

 

 

 

Text von Stefanie Köhler

Bilder:

Ian Whalen

Tabea Wittulsky