TanzNetzDresden

lost and expect

Fixe Ideen, Sehnsüchte und ein unbedingtes Wollen bestimmen diesen zweiteiligen Abend der Linie 08 im Dezember 2016. Ein Erfahrungsbericht.


Martina Morasso // Orpheus DenK(t)mal

Weh mir. Viel zu süß, viel zu bitter ist der Anblick. So verlierst du mich aus übergroßer Liebe?
Eine Weiterentwicklung der auf Monteverdi ­basierenden Orpheus-Studie für Linie 08 2015.

____

Und dann sitzen wir auf weißen Kissen, sitzen auf weißen Kissen und vor uns rollen Körper auf und ab. Übereinander, voneinander, fort. Sind mal Schlangen, mal Frauen, mal Liebende.Im Hintergrund Gischt, Ebbe und Flut. Es werden Steine an den Strand gelegt und niemand weiß, wieviele Steine ein Menschenleben hat. Steine am Strand, und am Wegesrand, Grenzsteine,  Stolpersteine, Grabsteine.
Geliebte Menschen gehen und nur ein Grabstein beweist, dass sie wirklich gewesen sind. Orpheus aber kann sich damit nicht abfinden, kann nicht ruhen, geht auf und ab. Er singt, dass man ihm seine Geliebte doch wiedergäbe. Und wider Erwarten tut sich eine zweite Chance auf, er darf die Geliebte aus der Unterwelt führen. Doch Orpheus darf sich nicht nach ihr umdrehen, darf das Unglaubliche nicht mit einem Blick prüfen, darf sich kein Bildnis machen. Wie vorsichtig sie gehen, wie behutsam sie einen Schritt nach dem Anderen tuen. Kann man die Toten wirklich wiederbeleben? Orpheus traut dem Zauber nicht. Er dreht sich zur Geliebten um und sein Misstrauen macht das Wunder unmöglich, sie verschwindet wieder in der Unterwelt. Da rauscht wieder die Brandung im Hintergrund, auf und ab.  Es ist ganz so, als ob wir ein paar Steine ins Wasser fallen lassen und beobachten, wie sie in der Tiefe versinken. Schon die nächste Welle überschwemmt ihre Spuren. Es ist, als ob sie nie gewesen wären.
Dann ist das Stück zuende und alles in mir ist taub.

____

SuperYoutour // Revisit

Revisit versucht, das Wesen eines Ortes komprimiert zu transportieren. Dabei beschreibt es eine Sehnsucht nach dem Gefühl der Vollendung und der Notwendigkeit nach einem Neustart. Man kommt nicht los – das Gewicht von unerfüllten Erwartungen im Raum.
Revisit spricht von einem Zustand des zu viel Wollens, was jegliche Entwicklung unmöglich macht.

____

Beim Einlass  werden Tomaten verteilt, nur so, falls das Stück schlecht wird. Und dann gehen wir hinein und bekommen einen Brief, auf dem steht, dass das Stück schlecht wird. Wir sollen also alle wieder den Saal verlassen, erklärt uns die Tänzerin. Der Brief trägt ein unsagbar falsches Datum und die Inszenierung der Inszenierung stellt sich durch diesen kleinen oder absichtlichen Fehler selbst bloß. Ich kann es schon nicht mehr ernst nehmen, als wir nach einer anschaulichen Weile wieder in den Saal geholt werden und von der sehr talentierten Performerin erklärt bekommen, dass die Erwartungen, die wir an sie haben, zu groß sind, dass sie ein ganz tolles Stück machen wollte, aus dem nichts geworden ist. Ein Eichhörnchen rennt halbnackt durch den Raum, die Darstellerin presst Orangensaft selbst und verteilt ihn, ein Stuhl steht in der Mitte. Mehr bleibt nicht in Erinnerung. Die Provokation der Publikumserwartung steht auf dem Programm und zwar in Großbuchstaben und so gezielt, dass ich nicht mal enttäuscht bin. Auf dem Heimweg vermisse ich die Gefühle, die ich beim Orpheus hatte.
Schade, eigentlich.

 

 

 

 

 

Text von Charlotte Gneuss

 Foto: Peter R. Fiebig

Orpheus DenK(t)mal
Konzept und Choreografie: Martina Morasso
Orpheus: Walburga Walde (Gesang/Bewegung), Mathis Mayr (Cello/Bewegung)
Eurydice/Wellen/Skulpturen: Malwina Stepien (Tanz/Projektionen), Verena Wilhelm (Projektionen)
Caronte/Wellen/Skulpturen: Martina Morasso (Tanz/Projektionen)
Videos: Héctor Solari
Musikalische Komposition und Improvisation: Mathis Mayr, Alexander Strauch
Dramaturgische Betreuung: Andrea Wolter

 

REVISIT
Künstler: SuperYoutour\Liron Dinovitz
Darsteller: Maria Rosenfeld, Valentin Schmell
Sound und Video: Konrad Behr