TanzNetzDresden

ONE/TWO/THREE LINIE 08 Februar 2018

eins, zwei, drei Stücke- eine Stimme


ONE/TWO/THREE

 

MANkind
Claudio Cangialosi & Massimo Gerardi/subsTANZ

Vorn, am rechten Bühnenrand, in grauen Boxershorts und Unterhemd, lässt Massimo Gerardi, wie ein kleiner Junge auf dem Boden kauernd, einen roten Kreisel tanzen. Seine italienischen Worte aber sind nicht kindlich, muten eher wie teile philosophischer Abhandlungen an, oder Beschwöhrungsformeln mythischen Ursprungs. Zwei lebensgroße Figuren aus Pappe am hinteren Bühnenrand, die zusammengeschoben wohl die Silhouette einer Frau ergeben würden, begrenzen das Bild und schaffen so eine Form von Halt auf der sonst leeren Bühne. Das Rot des Kreisels bleibt einziger Farbtupfer. Im Duo mit Claudio Angluosi wird Begegnung ausgelotet, unbeschwerte, kindliche, jugendliche, erwachsene. Begegnung voller Verlangen und deren Unmöglichkeit, ihr Wert, Komik und Tragik.Tänzerisch spannen sie den Raum aus, wälzen sich auf dem Boden, wenden sich voneinander ab, finden sich wieder, wie Kinder im Spiel, wie Jugendliche, wie Männer, wie Verliebte. Momente der Kindheit leben auf wenn auf die hintere Wand die Projektion von Kinderfotos der Tänzer erscheint, die Stimme der Mutter, „Mama“ im Off. Überhaupt taucht die Mutter als Mama immer wieder in Form einer latenten Anwesenheit auf, im Liedtext, als Stimme, wenn Cangialosi und Gerardi sich an die Pappschablonen klammernd, wie verzweifelt nach ihrer „Mama“ rufen, und schließlich als Gummipuppe, der zärtlich ein blauer Rock bis über beide Brüste gezogen wird. Dieser, auf eine eigenartige Weise berührende Moment steht in extremen Kontrast zu der Szene, in der die Bühne zum catwalk wird, wenn beide Tänzer immer wieder, von mal zu mal absurder, in Kleidern, Röcken, Blusen hinter den Pappschablonen hervor kommen, imitieren, provozieren bei der Suche nach dem Mann-Selbst, wobei die Frage nach dessen Wesenskern offen bleibt. Schließlich wieder der Kreisel, diesmal sitzt Claudio Cangialosi da, wo zu Beginn Gerardi saß. Wie ein kleiner Junge lässt er den Kreisel tanzen, seine Gesten und Worte aber haben die kindliche Unschuld bereits verloren. Das Stück führt durch die Phasen innerer Bewegung in Zeiten der Suche nach dem eigenem Wesenskern, der mal im Inneren, mal im Außen aufscheint, und nie eine feste Einheit bildet. Dieser manchmal schmerzliche Aspekt bekommt hier einen Raum, in dem jede/r ZuschauerIn sich wieder finden kann.

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Trust
ConTrust Collective / Malwina Stepien

Eine Tänzerin und ein Tänzer, nebeneinander auf Stühlen am hinteren Bühnenrand, Malwina Stepien und Telmo Branco. Nach einer Phase absoluter Unbewegtheit erste, kleine Bewegungen, wie zufällige Gesten mit den Händen, beide übernehmen voneinander, lassen aus wie zufälligen Gesten eine sich gegenseitig verstärkende Form entstehen. Der Fokus verschiebt sich von den Händen der Tanzenden, als ein Zuschauer in der ersten Reihe des Publikums die Gesten aufnimmt, und so den Bühnenraum unvermutet erweitert. Einen Moment lang steigt eine Spannung im Publikum, ein Berührt-sein, vielleicht auch die Unsicherheit über den eigenen, sicher geglaubten Zuschauerplatz. Sein anfangs unscheinbares und wie zufälliges Husten entwickelt sich zu einem Hustenanfall, der schließlich ins rhythmische übergeht, und so eindeutig kein Zufall ist. Schließlich überschreitet Alberto Cissello die vierte Wand, betritt den Bühnenraum, und macht so deutlich, wie unsicher scheinbar sichere Räume und Grenzen sind, wie leicht sie überschritten, Distanzen und Nähe sich fast unmerklich verschieben können. Überhaupt werden in dem Stück ständig neu Verhältnisse geschaffen, geklärt, wieder in Frage gestellt. Die Verteilung der Rollen in Beobachter, Zuschauer, in Handelnden und Passiven wird durchbrochen, wenn die Tänzer sich bewegen, beobachtet von Stepien im Hintergrund.Vertrauen wird so ausgelotet, in dem sich die Konstellation ständig verschiebt. Beobachter und Akteur wechseln sich ab. Wie weit kann da losgelassen werden, wie weit das Geschehen einfach geschehen? Welcher Raum wird gehalten, und welcher für wen geöffnet? Die drei leben einen ständigen Wechsel zwischen für-sich-sein, Bezug nehmen, Distanz halten und sich- einlassen. Der Zuschauer wird subtil einbezogen, aber auch zur Positionierung gefordert. Das Überschreiten der Grenzen zum Publikum als Akt des Infragestellens der scheinbaren Sicherheit des Außenstehenden gibt das Gefühl des Ertappt- seins, ertappt in der verräterischen Komfortzone des scheinbar Unbeteiligten.

 trust construstcollective 1

trust construstcollective 2

 

Wohin die Worte nicht reichen“- poesie.tanz.musik
Chiara Detscher, Silvio Colditz, Alina Gropper

Detscher, Colditz und Gropper führen aus dem Bedeutungs- in den Wahrnehmungsraum, und so von Wissen-wollen in Wirken lassen. Sehr sensibel nimmt die Tänzerin die Worte aus den Gedichten von Silvio Colditz in Klang und Sinn auf, überträgt sie in ihr Medium, wenn sie sich in der Mitte der Bühne bewegt, während Colditz Wege durch den Raum findet, lesend, mit dem Notizbuch in der Hand. Der Klang der Violine ist ein Element, bildet einen weiteren Strang in dem Stück, Alina Groppers Spiel wirkt tragend, weiterführend, verbindend. Nie ist der Fokus auf eines der Elemente gerichtet, Text, Musik, Bewegung verweben sich zu einem feinen, raumfüllenden Muster, das sich über den Bühnenraum hinaus fortsetzt, wenn die Violinistin durch die Tür im Seiteneingang den Raum spielend verlässt, und so das Außen ein Stück weit nach innen holt. Wohin die Worte nicht reichen, da trägt ihr Klang, ihr Rhythmus, ihre Melodie weiter, wird zu Musik, zu Bewegung, bis alles in Allem aufgeht, und die Frage nach Bedeutung unbedeutend wird.

Detscher- tanzpoesiemusizk 

 

 

 

Text von Heidi Morgenstern

Fotos:

1.+2. Ian Wahlen

3.+4. Michael Theis

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