TanzNetzDresden

parallel situation/ LINIE 08 Dezember 2017

Tanz als Bewegungskunst ist flüchtig, vergänglich. Die Dokumentation und das Festhalten tänzerischer Ereignisse sind dank der technischen Errungenschaften seit dem letzten Jahrhundert möglich. Hier beginnt die Recherche für das Stück parallel situation...


parallel situation

Tanz als Bewegungskunst ist flüchtig, vergänglich. Die Dokumentation und das Festhalten tänzerischer Ereignisse sind dank der technischen Errungenschaften seit dem letzten Jahrhundert möglich. Frühe Fotografien von Tänzerinnen und Tänzern entstanden in Fotoateliers in den 1920er und 1930er Jahren. Die damalige Fototechnik wie auch die teuren Produktionskosten ermöglichten noch keine allumfassende Dokumentation eines Tanzstücks. So zeigen diese ersten Tanzfotografien still stehende Körper und ausdrucksstarke Posen. Was erzählen diese fotografischen Momentaufnahmen? Vergangene Bewegungen, deren Choreografie aber unbekannt bleibt. Genau hier beginnt die Recherche für das Stück parallel situation, in dem die Tänzerin & Choreografin Anna Till und die Fotografin & Filmemacherin Barbara Lubich in einem 45minütigen Dialog von Vergangenheit und Gegenwart, Bewegung und Stillstand, Wirklichkeit und Abbild sowie Tanz und fotografischer Momentaufnahme erzählen.

 

Anna Till betritt den schummrig abgedunkelten Bühnenraum, allmählich wird es heller und ihr Körperumriss wiederholt sich als Schatten an der Wand. Ihre fließenden Bewegungen münden in ausdrucksstarke Posen, denen etwas Vertrautes innewohnt. Erinnerungen an die Studioaufnahmen berühmter Tänzer und Tänzerinnen wie Vaslav Nijinsky, Mary Wigman, Valeska Gert, Anita Berber und Alexander Sacharoff werden wach. Und war das vielleicht der viel zitierte Sprung von Gret Palucca? Die Stille wird durchbrochen und aus dem Off erklingen nun O-Töne einer Recherche, deren Ausgangspunkt u.a. die Publikation Tänzerinnen der Gegenwart von 1931 bildet. 65 Abbildungen zeigen Tänzerinnen der damaligen Zeit und eine doppelseitige Abbildung aus dem Buch hängt unscheinbar als eine Fußnote an der hinteren Bühnenwand: eine Momentaufnahme der Tänzerin Niddy Impekhoven. Als historisches Zitat ist es eine Annäherung an gegenwärtige Bilder von Tanz und Bewegung und die Frage, was sie erzählen und zeigen.

 

Nach diesem kleinen Prolog betritt die Fotografin Barbara Lubich die Bühne, sie agiert anfänglich als Beobachterin und dokumentiert mit bescheidener Zurückhaltung die tänzerischen Bewegungen Anna Tills. Mehr und mehr entwickelt sich ein Dialog zwischen den beiden, es ist ein Abtasten und Suchen mit der Linse und zugleich ein exaktes Performen für die Kamera. Gemeinsam sind sie auf der Suche nach dem einen Moment, dem Bild und Abbild der Tanzpose von Niddy Impekhoven. Doch parallel situation ist keine reine Dokumentation und Nachahmung von tänzerischer Vergangenheit, sondern eine stete Verschränkung von Ähnlichem und Gegensätzlichen, die zu einer neuen Einheit, zu neuen Bildern werden. So treffen Licht und Schatten, Farbe und Schwarzweiß, Vergangenheit und Gegenwart ebenso wie Stille und Sound aufeinander. Die Fotografin Barbara Lubich wird mehr und mehr zur aktiven Performerin und gleich einem Pas de deux entwickelt sich eine gleichberechtigte, forschende Performance beider mit der Kamera als stiller Begleiter. Alle Bilder, die an diesem Abend zu sehen sind, entstehen live – keine Fotoretusche, keine endlosen Serienaufnahmen oder ein wahlloses Drücken des Auslösers. Eine begrenzte Anzahl an Aufnahmen bilden für die Fotografin Lubich die Grundlage und ihren persönlichen Score für die Performance. Hinzu kommt, dass jedes Auslösen an den wechselnden Sound gekoppelt ist. Für nur wenige Sekunden erscheint auf den zwei großformatigen Leinwänden das jeweils fotografierte Bild, streng im Wechsel von Hoch- und Querformat.

Die ästhetische Strahlkraft und Komposition der Fotografien sind beeindruckend und wecken den Wunsch nach einem längeren Betrachten, doch wie der Tanz ist auch das Foto vergänglich und erlischt oder wechselt nach wenigen Sekunden. Durch den Einsatz der Fotografie entsteht ein doppeltes Sehen und Wahrnehmen des performativen Moments – einerseits betrachte ich mit meinen eigenen Augen das Geschehen und andererseits sehe ich die Wirklichkeit mit den Augen der Fotografin. Es ist ein Wechselspiel und steter Abgleich, der die Schaulust erhöht und zugleich die Performance um neue Perspektiven ergänzt. Bemerkenswert ist der Moment, in dem die Performerinnen autark von einander agieren. Barbara Lubich  fotografiert dabei Gegenstände und Materialien in Großaufnahme, deren abstrakt wirkende Muster, Formen und Farben nun über ihre eigentliche Gegenständlichkeit und Funktionalität dominieren. Wenige Minuten später richtet sie ihr Augenmerk wieder auf die Tänzerin Anna Till. Auf einmal scheinen die Bilder der Tänzerin losgelöst von ihr, die folgenden Nahaufnahmen lassen den Tänzerinnenkörper in einem neuen, abstrakteren Licht erscheinen: (Körper-)Linien und Formen ebenso wie der Faltenwurf und die Materialität der Bluse dominieren den Seheindruck und werden in ihrer Vergrößerung haptisch greifbar.

 

Parallel situation erzählt in und mit Fotografien auf beeindruckende Art und Weise von Bewegung und Stasis, Formen und Farben, Licht und Klang und schafft so einen Sprung, der Tanzgeschichte und -gegenwart ebenso wie die Disziplinen Tanz und Fotografie auf überraschende Weise verbindet. Eindrucksvoll ergänzt wird die Performance von Lubich und Till durch das Sounddesign von Nikolaus Woernle, das Lichtdesign von Martin Mulik und die schönen Kostüme und Requisiten der Bühnen- und Kostümbildnerin Konstanze Grotkopp. Parallel situation ist eine eindrucksvolle, kollektive Arbeit, die mit ihrem teilweise installativen Charakter den Möglichkeitsraum von Tanz produktiv erweitert.

 

 

 

 

Text von Cindy Denner

Fotos von Clemens Mart