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re-move / LINIE 08 September #1

Wer bin ich und wenn ja, wie viele? Oder wie Viele? Viel hüpft gut! Am 15./16. September drehte sich die Linie 08 tänzerisch um Zustandsbeschreibungen von Leere und Vergangenem, vom Wurzelsuchen am Rande des kompletten Wahnsinns....


LINIE 08 _ Hellerau

Re_move

 

Wer bin ich und wenn ja, wie viele? Oder wie Viele?

Viel hüpft gut! Am 15./16. September drehte sich die Linie 08 tänzerisch um Zustandsbeschreibungen von Leere und Vergangenem, vom Wurzelsuchen am Rande des kompletten Wahnsinns, von Verwurzelungsversuchen, von sehnsüchtigem Verfallen und Vergehen, vom ewigen Immer so weiter machen, vom Schroten seiner Selbst, ach von diversen körperlichen Häutungen. Die Zuschauer*innen erwartete ein spannender Abend in Dreiteilung voller Poesie, Chaos und Strobo – und durchweg tänzerischer Qualität.

Franziska Kusebauch entwirft im 1. Teil mit „Wurzel letzter Haut“ ein gewaltig schönes Bild von generativen Versuchungen und Weitergaben persönlicher Geschichten. Wir alle tragen Es in uns, nur kaum jemand vermag dieses gemeinte Es zu benennen. Es ist. Es - ist einfach da. Als Energie, als Molekül im biochemischen Baukasten der Kerns.

Ach, und was bleibt von der Kernelpanic? Was nehmen wir auf? Was erben wir? Was teilt sich? Was tragen wir bewusst oder unbewusst weiter? Was bereiten wir vor? Und welche Zögerlichkeiten schieben wir eben am Ende doch einfach nur repetitiv vor uns hin wie so’nen Kasten Legobausteine. Re_move eben. Es geht womöglich um Vermächtnis und Verantwortung, um Rekonstruktionen von Brüchen - den nötigen, auch wenn sie wehtun.
Da sitzt das Junge und sammelt verspielt klirrend große dicke Scherben in einen Metalleimer ein, so als würde es eigentlich doch mit Glasmurmeln spielen, und schüttet sie purzelbaumschlagend in einen imaginären glasschimmernden Fluss. Da schlenkert die Mittlere wankelmütig durch den Raum, fällt, steht angestupst und angestoßen vom Kinde wieder auf und fällt und fällt und steht doch wieder auf. Da ist die Ältere, die sich ihren Platz auf dem Schachbrett der life of broken matters zögernd und erhaben zurückerobert. Man kommt sich kurz vor wie bei diesem Kugelstoßpendelspiel, Sie wissen schon, diese Metallkugeln an Schnüren, die auf manchen Bürotischen rumstehen haben. Die eine Kugel bricht aus, prallt sich Dank Gravitation und voller Wucht zurück und PLONK! wird das andere Ende von der Kette weggeschleudert. Jede Kugel ist dicht verbunden und doch so weit von den anderen entfernt. So auch auf der Bühne, alle taumeln wie Stehaufmännchen durch Raum und Zeit - allein und doch miteinander – wir erfahren hier das klassische Chaos der Generationen. 

Die Zuschauer*innen werden zu einer Reise auf dem ziemlich schroffen Rücken eines Elektronenmikroskops eingeladen. Die beiden Tänzerinnen um Kusebauch Lara Krämer, Olimpia Scardi und weitere Frauen entwickeln ein tänzerisch äußerst stilvolles und formenreiches Bild aus Slapstick à la Jaques Tati, Bewegungen einer reisende Tierkarawane oder völlige freien Pas de deux zu arabischer Musik von Anouar Brahem.
Bei aller Tragik aus Geschichte und Erfahrungen, die wir wie Bruchstücke in einer Straße aus Scherben auf der Bühne angerichtet bekommen entwirft sich ein mutig stolzer Tanz dieser geduldigen und abermals geduldigen Scherbensammlerinnen. Das Scherbenmeer tut sich auf und die Karawane zieht weiter, immer weiter...muss ja...wird schon.

Fotos: Uta Caroline Thom

 

 

 

Wir verlassen die Bühne 1 und finden in unerwartet hartem Stilbruch eine gänzlich andere Annäherung an re_move.

In „craving“ serviert uns die JuWie Dance Company ein Bild quälender Monotonie und Einsamkeit in feinst fieser Nachtclubmanie. Da wird die Suche nach dem Gegenüber und dem Funken Sichtbarkeit und Zugehörigkeit zum Irgendwas, das tief drinnen nichts weiter als eine zarte Berührbarkeit sucht, zu einer reinsten Sehnsucht. Vergeblich. Kaum noch zu ertragen ist das vermeintliche Rennen und Antanzen gegen die unsichtbaren Wände dieses schier endlos erscheinenden – was eigentlich? Man will auf die Bühne rennen und das tanzwütige Wesen nehmen und schütteln. Aber nee, man würde vermutlich wahnsüchtig über den Haufen getanzt oder tänzerisch aus dem Weg gefegt werden. Siehste, selbst der auftauchende Biertrinker wird beflissen ignoriert. Prosit auf Ex! Bier trinken hilft.

Kriegt man doch die Ohrstöpsel und Warnhinweise ob der optischen Strobobeschallung bereits warnend vor Beginn der Performance vertellt, kann man von Beginn an nur ahnen welche Clubatmospäre einen gleich erwarten wird. Verhüllt in Nebelschwaden und beschallt von biestig blauem Strobolicht dürfen wir der Solotänzerin Jule Oeft bei ihrer sich verausgabenden Suche auf der Tanzfläche folgen. Wer Sebastian Schippers Kinofilm „Victoria“ gesehen hat, dürfte wissen, welches Bild einsamer junger Großstädter sich hier zu zeichnen versucht. Das Lichtdesign von Severin Beyer und die gewählte sphärisch aufgeladene Musik von Daniel Williams machen die zermürbende Sucht nach Vergnügen und Geltung komplett.

Nicht zu verwechseln ist hier der fade Geschmack von Einsamkeit und hoffnungsloser Suche mit den tatsächlich tänzerischen Qualitäten. Oeft findet sehr gelungene und ausgefallene tänzerische Interpretationen für die Darstellung diverser Belanglosigkeiten in den Clubs unserer Zeit, sei es vom Zittern eines Cyborgs, das versucht laufen zu lernen oder ist es die Evolution einer Barbypuppe bis hin zu berauschenden bodyshapes und bodyescapes im dumpfen Rhythmus der Clubmusik. Trashig, et très chique! Für wen tanzt denn nun die einsame Club Cynthia am Ende eigentlich so exstatisch? Für den biertrinkenden Bert sicher nicht! Für sich selbst? Wahrscheinlich! Die einzige Berührung bleibt der Tanz mit der Stobolichtstange. Please, can some Body help her? Leonard Cohen fand in seinen Texten starke Worte für seine tiefe Sehnsucht nach derartiger Aufrichtigkeit. Jule Oeft findet sie tänzerisch: „Club me to the end of Love“.

Fotos: André Wirsig

 

__ Rahmeprogramm

Zur Erholung dürfen die Zuschauer*innen kurz im Foyer Luft holen und auf der Installation von Magdalena Weniger und ihrem „ZEBRAS ZENIT II“ Platz nehmen. Jawoll, auf einem richtigen Pferdesattel. Manchmal erscheinen Ausritte in die dort vorgefundenen Sinnfreiheiten sinnvoller als die, nach denen man vergeblich sucht. Ist das auch eine Sucht? Jedenfalls ein Move.

Jiiiiha! Alle auf die Pferde – geht weiter.

Foto: Magdalena Weniger

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Zurück im Nancy Spero Saal erwartet die Zuschauer*innen die dritte und letzte Sequenz des Abends. Wir kommen zu Häutungen in vielerlei Hinsicht. Da findet man erst einmal eine Zwiebel auf seinem Sessel, dazu ein Gedicht auf Zettel. Dann die Einladung zum Zwiebelschalenabpulen. Ok, prima. Zwiebelduft verbreitet sich im Saal. Es scheint wieder poetischer und schmackhafter zu werden.

In der Tat, die Newcomerin Elena Cencetti kreiert in ihrem Stück „Lady O’Nion“ galant einen Geschmack von Häutungen. Hier in einem amüsant umgesetzten Bild. Ganz nach der Frage: Wie viele Rollen und Identitäten kann ein Mensch mit den unterschiedlichsten Kleidungsstücken annehmen, vertreten, verkörpern und auch verteidigen? Mit jener elementaren Frage, was bleibt, wenn all diese Hüllen fallen und wir uns dieser entledigen. Scheppernde Ritterrüstung – Ballast oder Schutz?

Und wie sieht diese Nacktheit aus wenn alles abgefallen ist? Macht sie uns am Ende doch wieder zum Tier?
Zwiebelchen legt alle möglichen Häute peu à peu ab, den sexy Fummel, das Super(wo)mankostüm, den Machoanzug, das Hochzeitskleid, den Bolero. Ja, es gab noch ein paar andere Häute. Und die schmecken alle unterschiedlich – süß, bitter oder sind so überhaupt gar nicht zu verdauen. Hüllenlos, was nun?

Dazu gibt’s diverse Gedichte von Neruda und Pessoa. Kleider machten hier und heute Leute und Häute!

Fotos: Uta Caroline Thom

Am Ende geht man reich nach Hause (oder tanzen). Tatsächlich mit einer Zwiebel in der Tasche – super! was zum Kochen, einem Gedicht von Pablo Neruda im Ohr, einem strampelnden Strobo in den Knochen und wilden Scherben, als hätte einem Annie Lennox gerade „Walking on Broken Glass“ vorgesäuselt. 

Well, life is a candy with a lot of red hot chili inside! 

 

 

 

 

 

 

 

 

Text von Stefanie Köhler