TanzNetzDresden

undo, redo and repeat

Vielleicht entsprechen Erinnerung und Weitergabe des Erbes von modernem Tanz weniger der reinen Überlieferung von etwas bereits Gefundenem, sondern viel mehr einer Anleitung zum Suchen....


Bewegend Bewahren

„undo, redo and repeat“ von Christina Ciupke und Anna Till im Festspielhaus Hellerau Dresden

Ich erinnere mich: Denke ich zurück an „undo, redo and repeat“ verbildlicht sich meine Erinnerung zu einer Szene, in der die KünstlerInnen Christina Ciupke und Anna Till ausdauernd und konzentriert ein und dieselbe Bewegungsabfolge entlang einer zuvor von ihnen angedeuteten Linie aus Mikrofonkabel ausführen. Sie tragen dabei etwas Rotes, etwas sand- oder hautfarbenes an ihren Körpern. Ich erinnere mich an ein unaufhörliches Vor und Zurück, bei dem sie in kleinen Stücken von einem Ende des Kabels zum anderen wandern. Diese endlosen Wiederholungen lassen die Bewegungen zu etwas Bekanntem werden. Sie schreiben sich ein in mein Gedächtnis. Jedoch weniger als konkrete Bewegungsabfolge, denn vielmehr als Rhythmus, als Empfindung von Tempo und Stimmung. Ein mutiges nach vorn, ein zögerndes zurück. Wie ein leicht verschwommenes Bild zweier sich im selbstverständlichen Fluss fortbewegender Körper bleibt es bruchstückhaft in meinem Gedächtnis verankert.

 Anna Till- undo, redo and repeat

Ich frage mich: Warum erinnere ich mich genau an diese Facetten so präzise und warum scheinen andere Teile der Performance fast vergessen? Wie wird Bewegung überhaupt erinnert und wie bestimmen diese teils fragmentarischen Erinnerungen die Weitergabe und Archivierung von Tanzgeschichte? Wie kann Tanz über mehrere Jahrzehnte weitergeben werden und was bleibt davon in der künstlerischen Praxis der Gegenwart erhalten? Was geht verloren? Was formt sich neu?

 

Genau diesen Fragestellungen widmen sich Christina Ciupke und Anna Till in ihrem Projekt „undo, redo and repeat“ und treten dabei in einen Dialog mit dem tänzerischen Erbe prägender ProtagonistInnen der deutschen Tanzgeschichte des 20. Jahrhunderts: Mary Wigman, Kurt Jooss, Dore Hoyer, William Forsythe und Pina Bausch. Über die persönliche Begegnung und den künstlerischen Austausch mit ZeitzeugInnen wird das Vermächtnis dieser wichtigen ImpulsgeberInnen erinnert und neu interpretiert. Auf Basis individueller Erfahrungen und physischer Erinnerungen von ZeitzeugInnen an die KünstlerInnen vergangener Tänze und ihr Schaffen entsteht ein Wissenstransfer zwischen vergangenem und gegenwärtigem Tanz. Übermittelt von den AkteurInnen Anna Till und Christina Ciupke.

 

So ist auf dem Tanzboden der Gegenwart tänzerische Erinnerungsarbeit auf mehrerlei Ebenen auf Basis umfangreicher Recherche und gefördert vom TANZFOND ERBE entstanden: Das Projekt „undo, redo and repeat“ umfasst eine Ausstellung, eine Performance sowie ein digitales Archiv, die allesamt Aspekte der Recherche auf ganz unterschiedliche Weise dem Publikum zugänglich machen. Stellt die Performance die Aneignung und Rekonstruktion des tänzerischen Erbes durch Anna Till und Christina Ciupke als Choreographinnen in den Vordergrund, so zeigt die an die Performance angeschlossene Ausstellung vor allem Beobachtungen und Erkenntnisse aus dem Prozess der Begegnung mit den ZeitzeugInnen Irene Sieben, Reinhild Hoffman, Martin Nachbar und Thomas McManus. Durch die Weitergabe physischer Erinnerungen der ZeitzeugInnen, die sie in direkter Linie mit dem künstlerischen Schaffen des jeweiligen Protagonisten verbindet, entstehen innerhalb des Austauschs mit Till und Ciupke rekonstruierte Erinnerungsfragmente, die sich in der Performance „undo, redo and repeat" auf der Bühne performativ gezeigt werden.

Das dazugehörige Online-Archiv begleitet das Projekt und bietet die Möglichkeit, sich in die Aspekte und Wege der Weitergabe zu vertiefen.

Performance, Ausstellung und Archiv laden ein zu Beobachtung, Empfindung und Aneignung. Ein lebendiger Erinnerungsraum entsteht, der Verbindungen zwischen drei Generationen von Tanzschaffenden sichtbar macht, neu verknüpft und Wissen über den Bühnenraum hinaus weiterträgt. Aber was entscheidet überhaupt darüber, wie wir Vergangenes einprägen und erinnern?

Wir erinnern, was uns einst bewegte.

Erinnerungen verankern sich in unserem Gedächtnis über Empfindungen. Erst weil uns etwas oder jemand berührt, irritiert, eröffnet sich ein Raum in uns. Ein Raum, in dem Erfahrungen mit unserem Inneren verknüpft werden, die sich schließlich in unserem Gedächtnis als Erinnerung manifestieren.

Betrachtet man vergangene Geschichte aus der kulturgeschichtlichen Perspektive - hier die der vergangenen Tänze des 20. Jahrhunderts -, so ist die Summe individueller und zugleich kollektiver Erinnerungen in unserem kulturellen Gedächtnis als Geschichte des modernen Tanzes gespeichert. Um dieses gesammelte Wissen über mehrere Generationen zu erhalten, bedarf es einer konkreten Verortung. Die Erinnerung benötigt eine lebendige Form. Was liegt also näher als Tanz mit Bewegung zu erinnern. Tanz ist lebendig, beinhaltet Transformation, Übersetzung, Rekonstruktion. Tanz probiert aus und eignet an. Die Weitergabe von Tanzgeschichte verortet sich daher in Situationen, in Praxis, im Moment. Jede Zeit hat wie auch ihre KünstlerInnen ihre eigenen Bilder, Bewegungen, Gesten, Ausdrücke, ästhetische und moralische Werte, die in die Kunst übertragen oder gar erst von ihr in Form, Bild und Bewegung überführt werden. Tanz ist sowohl Ausdruck eines individuellen Körpers als auch Spiegel gesellschaftlicher Empfindungen. Tanz ist auch immer eine Art durch den Körper in die Welt schauen und andersherum. Daher braucht es Träger, die diese bruchstückhaften Bilder und Erinnerungsessenzen an die nächsten Generationen von Tanzschaffenden im persönlichen Austausch über die eigene Erinnerung und Bewegungsarbeit weitergeben. Eine zentrale Rolle spielen hierbei die Zeitzeugen als Mittler zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Als Paten und Boten der erinnerten Geschichte. Gerade die Tanzgeschichte, als Archiv von Bewegung und Empfindung, benötigt eine haptische, sinnliche Art und Weise der Erzählung von Erinnerung.

 Christina Ciupke- undo, redo and repeat

Bei „undo, redo and repeat“ sind die Übermittler dieser Erzählung selbst Tanzschaffende. Die Choreographinnen Ciupke und Till entwickelten ihre performative Erinnerungsarbeit auf Basis der individuellen Erinnerungen der ZeitzeugInnen an vergangene Tänze. Damit reichen sie die Erinnerung an uns Zuschauer und Zeugen der Gegenwart weiter. Wir, das Publikum, sind eingeladen uns während des Stücks frei im Bühnenraum zu bewegen. Es gibt keine räumliche Trennung zwischen uns und den beiden AkteurInnen, die uns ihre Interpretationen der Tanz-Erinnerungen an Bausch, Wigman, Jooss, Hoyer und Forsythe präsentieren. Ciupke und Till wandern zwischen den einzelnen Erinnerungssequenzen der Performance durch den Raum, verändern ihre Position und fordern so auch uns dadurch zum stetigen Perspektivenwechsel auf. Veränderte Positionen, veränderte Sichtweisen. Der Bühnenraum wird zum symbolischen Gedächtnisraum, bestückt mit erinnertem und neuinterpretiertem Bewegungsinventar, aber auch angedeuteten Erinnerungen an Bühne und Spuren von Kostüm.

 

„Ich erinnere mich an viele Frauen, an sandfarbene Kleider, an ein rotes Kleid. Ich erinnere mich an viele Kreisformationen (…) Es gab eine Szene, in der die Tänzer in einer Reihe mit einer einfachen Schrittkombination von rechts nach links über die Bühne tanzen.(…) Die Reihe ist einerseits sehr weich, leise und fließend, andererseits sehr dynamisch und kraftvoll.

 

– So das in der Performance erklingende Zitat einer Zeitzeugin. Ihre Stimme erinnert an diese Momente, Sequenzen, Bilder aus Pina Bauschs künstlerischen Arbeiten. Sie spricht als habe sie ein Bild vor Augen, das in seiner Schärfe variiert, so wie sich das Objektiv einer Kamera an sein Motiv anpassen muss. Es sind zwar sehr klare Erinnerungen, aber sie gleichen mehr einzelnen Erinnerungsfragmenten. Während wir ihrer Erinnerung lauschen, sich diese in unserer eigenen Vorstellung vergegenwärtigen, sehen wir immer noch und immer wieder Anna Till und Christina Ciupke, die sich unermüdlich in ihrer nach vorn und zurück schreitenden Bewegungsabfolge an der Linie des Kabels entlang arbeiten.

Dieses gegenwärtige Bild schiebt sich vor das Bild der hörbaren Erinnerung. Eine Verwandtschaft wird deutlich. Übereinstimmungen, aber auch Unterschiede.

Ist das Kabel der Bühnenrand? Meint das hautfarbene Top die sandfarbenen Kleider? Die rote Hose heute, die rote Robe von damals?

 

Jede Weitergabe heißt wohl auch ein Verlust von Erinnerung und Exaktheit. Denn jede Vergegenwärtigung bedeutet eine neue Interpretation.

Doch gerade diese Uneinheitlichkeit ist interessant und realistisch, da wir es mit individuellen Körpergedächtnissen zu tun haben, die nach ganz persönlichen, unbewussten Maßstäben vergessen und erinnern. Erinnerung ist veränderlich, transformiert sich über mehrere Generationen. Neben exakter Rekonstruktion von Bewegungsmaterial lassen sich vor allem sinnliche, atmosphärische Essenzen von Vergangenem in die Gegenwart transportieren. Diese können in ihrem Ausdruck sehr klar, deutlich und spürbar bleiben. Geht es nicht gerade beim Tanz um das Spürbare? Um durch die Sinne gestaltete Bilder und Momente? Denkt man beispielsweise an Pina Bauschs Arbeitspraxis, so wird man daran erinnert, das dort zu aller erst ein Bild, eine Stimmung, eine Frage, eine innere Regung zu einer Bewegung oder Geste und schließlich zu Tanztheater führte.

Sicher ist, dass die Tanzgeschichte nicht allein durch die Weitergabe vager Bewegungsassoziationen im kulturellen Gedächtnis bestehen bleibt. Ein Projekt wie „undo, redo and repeat“, mit seiner Konzentration auf persönliche und individuelle Erinnerungen an den Tanz, erweitert den theoretischen tanzwissenschaftlichen Blick auf vergangene Tanzpositionen um eine sinnliche, fast poetische Auseinandersetzung mit Tanzgeschichte, welche die Erinnerungen im Heute weiterspinnt. Nicht zuletzt die partizipative Komponente des Projekts ermöglicht dem Publikum eine eigene, haptische Auseinandersetzung mit dem Erbe des modernen Tanzes und unterstreicht die Weitergabe von Erinnerung über Bewegung.

So erinnere ich mich an eine Audio-Anweisung in der Ausstellung des Projekts, der ich folgte. Eine Stimme durch den Kopfhörer spricht zu mir und beschreibt ein „tastendes Gehen“, gleich einem Gleiten, einem Schreiten: „Es ist wie ein Gehen, um den Nachbarn der unter einem wohnt, nicht zu stören“. Wie “eine Katze der es gut geht. Ich versuche ihr mit meinen Bewegungen zu folgen.

 

In der Ausstellung, die das Projekt begleitet, begegnet man als ZuschauerIn verschiedenen Arten des Erfahrens, Erzählens, Beobachtens. Verschiedene Beiträge in Form von Video-, Audio- und Textbeiträgen geben Einblick in die Auseinandersetzung mit Wegen und Praxis der Weitergabe von tänzerischem Erbe. Sie laden zum Ausprobieren ein.

Sehen, hören, spüren - so wird Tanzgeschichte am eigenen Körper kennengelernt. So kann man selbst zur AkteurIn werden und in die Spuren der porträtierten TanzprotagonistInnen, ZeitzeugInnen und die der Künstlerinnen Till und Ciupke treten und tanzen.

 

Ich verlasse das Stück mit einem Programmheft. Es enthält eine Sammlung aller physischen Erinnerungsfragmente der ZeitzeugInnen, die sie an Ciupke und Till als performative Impulse weitergaben. Mit meinen Erinnerungen an „undo, redo and repeat“ und den neuen Bewegungserfahrungen, die dieses Heft mir noch bereiten wird, reihe ich mich in den fortlaufenden Erinnerungszyklus von erfahren, verarbeiten und neu interpretieren ein und denke:

 

Vielleicht entsprechen Erinnerung und Weitergabe des Erbes von modernem Tanz weniger der reinen Überlieferung von etwas bereits Gefundenem, sondern viel mehr einer Anleitung zum Suchen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Text von Jana Köder

Fotos: Peter R. Fiebig

 

undo, redo and repeat

Künstlerische Leitung/Konzept/Performance

Anna Till, Christina Ciupke

 

Gastspiel

Hellerau - Europäisches Zentrum der Künste Dresden
14.10.2016