TanzNetzDresden

Linie 08 MAI state and dis-traction #2

Die Lichtkegel stehen nun plastisch wie Körper im dunklen Raum. Leuchtende Handydisplays erscheinen in den Sitzreihen vor mir und durchbrechen die Dunkelheit. Ein kurzer Schnappschuss hier und da, um dieses physikalische und zugleich schön anzusehende Schauspiel festzuhalten.


Ka Dietze, Jo Siamon Salich // WIRED

Dunkelheit erfüllt den Raum. Einzig gedimmtes Scheinwerferlicht von der Decke ermöglicht eine grobe Orientierung im Raum. Ich schaue ins schwarze Nichts der Bühne, als plötzlich weiße Nebelschwaden vom Boden aufsteigen, begleitet vom dumpfen Rauschen der Nebelmaschinen. Wabernd zieht der aufsteigende Nebel gen Decke, schmiegt sich sanft um die Lichtkegel des Scheinwerfer. Die Lichtkegel stehen nun plastisch wie Körper im dunklen Raum. Leuchtende Handydisplays erscheinen in den Sitzreihen vor mir und durchbrechen die Dunkelheit. Ein kurzer Schnappschuss hier und da, um dieses physikalische und zugleich schön anzusehende Schauspiel festzuhalten. Licht aus. Dunkelheit.

Nach diesem kleinen Prolog beginnt die performative Licht- und Soundinstallation WIRED. Mehrfarbige Lichtstrahlen zweier Bodenscheinwerfer – von der hinteren linken und rechten Bühnenecke – zeichnen sich auf der dunklen Bühnenfläche ab, treffen sich in der vorderen Bühnenmitte und geben zugleich den zusammengerollten Tänzerinnenkörper zu erkennen. Anfangs ist ihre Position des Körpers nur schwer auszumachen, der Oberkörper ruht auf den Knien und ihr Gesicht ist zum Boden gerichtet. Die mehrfarbigen Projektionen im 90er-Jahre Discolook ziehen ihre Bahnen durch die Dunkelheit und werfen ihr Licht auf den kompakten, starr ruhenden Tänzerinnenkörper. Fluide Farbmuster und Linien zeichnen sich auf ihrem Körper ab und zugleich scheint der Körper sich durch das flirrend-wabernde Lichtspiel aufzulösen. Grenzen zwischen Raum und Körper verschwimmen. Die Lichtprojektion gewinnt an Dynamik, die Abfolgen und Streuungen wirken unruhiger und erwachsen vom Boden in den Raum. Die Tänzerin verharrt immer noch in ihrer Position, doch allmählich lassen sich minimale Bewegungen der Finger und Arme erkennen. Nach und nach erhebt sie sich zeitlupenartig, bis sie sich schließlich vollends aufgerichtet hat. Stehend offenbart sich nun ihr weißes, knappes Kostüm – bestehend aus einem Bustier, einer Unterhose, mit Stoff umwickelte Knie und Ellenbogen sowie einer eng anliegenden Kappe, die ihre Haare verbirgt. Zusätzlich sind ihre Arme und Füße jeweils durch Bänder miteinander verbunden, was ihre eingeschränkte Bewegungsfreiheit erklärt. Während der gesamten Performance hat sie ihre Position im Raum nicht verändert. Gleich einer Marionette bewegt sie einzig ihre Arme und den Oberkörper, wiegt sich hin und her und taucht mit leichten Drehungen ein in das neonfarbene Lichtspiel. Ihre Bewegungen wirken entrückt und teils fremdartig. Der Eindruck verstärkt sich durch ihre nach innen Gerichtetheit, mit geschlossenen Augen taucht sie tastend in den umgebenden Soundteppich und das Licht ein. Die Gestalt der Performerin weckt Assoziationen an einen Cyborg. Hier zeigt sich das Thema von WIRED: die Kontaktaufnahme zwischen Performerin und virtueller Anwesenheit. Das interaktive Spiel mit Licht, Sound und fünfter Dimension bleibt jedoch der Performerin vorbehalten und verliert so für mich als Zuschauerin über die Dauer von vierzig Minuten streckenweise den Reiz in seiner Gleichförmigkeit und Langsamkeit. Faszinierend bleiben dennoch die steten intensiven, neonfarbigen Lichtprojektionen, die sich nicht nur auf dem Körper der Tänzerin, sondern auch an den begrenzenden Raumwänden abzeichnen. Monströs große Schattenumrisse der Performerin erscheinen neben mir an der Wand, ihr Körper dehnt sich flächig aus und wiederholt sich an den Grenzen des Raumes. Licht und Schatten, Bild und Abbild verschwimmen. Dieses bewegende Nebenprodukt kann ich jedoch nur aus meiner (festen) Sitzposition beobachten.

Die Performance-Installation WIRED ist ein spannendes Projekt, dass vor allem im Zusammenspiel aus Licht, Sound und Performance eine beeindruckende, fremdartige bis teils monströse Stimmung erzeugt. Der interaktive Raum ist für die Performerin jedoch stärker erlebbar als für die Zuschauenden. Statt der klassisch, starren Zweiteilung zwischen Zuschauerraum und Bühne wäre eine begehbare Variante von WIRED spannend, um dem Publikum eine intensivere Raumerfahrung zu ermöglichen. Vielleicht lässt sich die im Programmzettel angekündigte Weiterentwicklung so noch weiterdenken...

Text von Cindy Denner
Fotos von Peter R. Fiebig u. Jo Siamon Salich

 

WIRED 

Ka Dietze, Jo Siamon Salich

 

Choreografie/Tanz Ka Dietze

Choreografie/Dramaturgie Valentina Cabro

Idee/interaktive Bühnenkonzeption Jo Siamon Salich

Interaktiver Sound Matthias Härtig

Kostüm Odette Lacasa / Kostümfertigung in

Zusammenarbeit mit „Die Massnahme“, Andrea Wiener

 

Hellerau - Europäisches Zentrum der Künste Dresden
21/22.05.2017