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wohin wir gehen / LINIE 08 Dezember 2017

wohin wir gehen- eine Performance von 'the guts company' im Rahmen der LINIE 08 Dezember 20117 "Was geht, was bleibt."


wohin wir gehen

Das Gehen ist eine so selbstverständliche und basale Art der Fortbewegung, dass wir in unserem Alltag wenig über diesen Automatismus nachdenken. Doch in Philosophie, Literatur und Bildender Kunst erfolgt seit längerer Zeit eine Auseinandersetzung mit dem Gehen, Spazierengehen und Flanieren, dem Streifen durch die Landschaft sowie mit der Eroberung des urbanen Raums. Auch in Tanz und Performance erlebt das Gehen eine Konjunktur. So widmen sich an diesem Abend die Choreografinnen/Tänzerinnen Johanna Roggan und Romy Schwarzer in ihrer performativen Recherche Wohin wir gehen der Pluralität des Gehens.

 

Prolog – sprichwörtlich

Die Bühne gleicht zu Beginn einem spielerischen Parcours – eine Art Wimpelkette mit unterschiedlich großen, braunen Pappen zerteilt diagonal den Raum. In der Mitte steht eine Pappwand, die die ausgeschnittene Silhouette eines menschlichen Körpers zeigt, der korrespondierende Ausschnitt liegt auf dem Boden. Andere Pappen mit piktogrammartigen Zeichnungen liegen verstreut daneben. Redewendungen erklingen aus dem Off: Jemandem durch die Lappen gehen. Jemandem auf den Keks gehen. Am Arsch vorbei gehen… Diese Phrasen werden wortgetreu und bildlich mit Hilfe der Pappen umgesetzt. Es ist ein humorvolles und zugleich ernstes Spiel. Die Sprache wird wortwörtlich genommen. Die Performerin macht einen großen Schritt über die Pappfigur auf dem Boden: über Leichen gehen. Es ist ein erster Annäherungsversuch an die vielfältigen Redensarten und Wortpaarkombinationen, denen das gehen innewohnt. Spielabbau. Alle Pappen werden von der Bühne entfernt. Abgang.

 

 

Gehen – physisch

Die Performerinnen betreten gemeinsam den nun fast leeren, weißen Bühnenraum. Er ist gesäumt von zwei großen, weißen Leinwänden an der Rückwand und zwei hellen, milchig-weiß erleuchteten Fernsehern am vorderen Bühnenrand. In dem einen Bildschirm zeichnet sich schwach das Ziffernblatt einer Uhr ab. Zeitlichkeit. Gehen. Vergehen. Vorbeigehen. Johanna Roggan und Romy Schwarzer schreiten in ihren pinken Turnschuhen die Bühne ab. Im Gleichschritt laufen sie nebeneinander. Gemeinsam setzen sie dynamisch einen Fuß vor den anderen und gehen den viereckigen Grundriss der Bühne ab. Allmählich verschieben sich ihre Schritte. Gegenläufig ziehen sie ihre Bahnen. Diagonal, kreisförmig, vorwärts und rückwärts. In ihren schwarzen, frackartigen Mänteln weckt diese Szene Erinnerungen an die Schwarz-Weiß-Filme von Charlie Chaplin und seiner sehr besonderen Art zu gehen. Ende der Versuchsanordnung im White Cube. Abgang.

 

 

Wohin wir gehen – existenziell

Der letzte Teil der performativen Recherche ähnelt einer Lecture Demonstration. Johanna Roggan nimmt an einem Tisch mit Mikrofon, Laptop und Buch Platz, der am rechten Bühnenrand positioniert ist. Ihre Stimme erfüllt den Raum, poetisch-erzählerisch reiht sie Redewendungen, sprachliche Bilder und feststehende Wortpaare aneinander. Sie schafft damit einen assoziativen Klangteppich, in den sich die gehenden Bewegungen von Romy Schwarzer entfalten. Bewegung und Sprache gehen zusammen. Die anfangs endlos scheinenden Aufzählungen münden nun in kleineren Beschreibungen und Geschichten. Das Bühnenlicht ist gedimmt. Das zuvor sichere, zielgerichtete Gehen wird nun durch zeitlupenartige Schritte abgelöst. Es ist ein Balanceakt, ein Moment des potenziellen Stolperns und Fallens in der Verlagerung des Gewichts zwischen Stand- und Spielbein. Zu diesem Bild gesellt sich ein Abbild ihrer selbst. Auf der linken Leinwand erscheint das Profilbild der Performerin Romy Schwarzer, in slow motion bewegt sie sich von der einen Leinwand zur anderen. Ihr Gehen wird unsicherer, es stockt. Strauchelnd geht sie auf allen Vieren, kriechend und erschöpft bewegt sie sich fort. Das Ausschöpfen der Sprache mündet in körperliche Erschöpfung. Zaudernde, raumgreifende Bewegungen mit den Beinen voran. Hinkend, stolpernd, widerstrebend. Zu Boden gehen. Gehen lassen. Gut gehen lassen. Eine Absage an die Nützlichkeit. Das Licht geht aus. Abgang.

 

Wohin wir gehen eröffnet und erprobt die metaphorischen, menschlich-existentiellen und ästhetischen Spiel- und Denkräume des Gehens. Vorwärts Schritt für Schritt lautet die Devise allen gesellschaftlichen, ökonomischen Treibens und Getrieben-Seins, das Rückwärtsgehen birgt demgegenüber scheinbar Unsicherheit in sich und widerspricht auch dem Fortschrittsgedanken. Ruhen, pausieren, Nichtstun und Stillstand scheinen in unserer heutigen Gesellschaft undenkbarer Luxus.

 

 

 

 

Text von Cindy Denner

Fotos von Benjamin Schindler